»Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie«: eine fortlaufende Online-Anthologie, zusammengestellt von Jan-Eike Hornauer
Jan-Eike Hornauer
Das Blatt
Er nahm ein frisches Blatt an sich,
es sollte durch sein Grün ihm sagen
in den Herbst- und Wintertagen,
wie schön die Welt das Leben strich.
Als dann die kalten Tage kamen,
zog er’s hervor. Es war ganz braun
und bröslig, traurig anzuschaun.
Er sah’s. Sah sich. Und sagte: Amen.
© Jan-Eike Hornauer, München
+ Das Original
Theodor Storm
Ein grünes Blatt
Ein Blatt aus sommerlichen Tagen,
Ich nahm es so im Wandern mit,
Auf daß es einst mir möge sagen,
Wie laut die Nachtigall geschlagen,
Wie grün der Wald, den ich durchschritt.
+ Zum Autor
Jan-Eike Hornauer, geboren 1979, lebt als freier Textzüchter (Autor, Herausgeber, Lektor und Texter) in München. In Lübeck auf die Welt geworfen, aufgewachsen in Hausen bei Aschaffenburg, Studium der Germanistik und Soziologie in Würzburg. Seine literarischen Schaffensschwerpunkte sind: gereimte Lyrik (u. a. komische Gedichte sowie Gedichte zu den Themen Liebe, Gesellschaft und Tiere) und Kurzgeschichten unterschiedlichster Stimmungslage. Er ist zweiter Vorsitzender des Münchner Künstlervereins »Realtraum« sowie freier Redakteur bei »DAS GEDICHT blog«, der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik (GZL, Leipzig) und Literaturradio Hörbahn. Gedichte von ihm sind u. a. erschienen in Publikumsmedien (wie taz und Main-Echo sowie WDR 3 und 5), in Anthologien (u. a. bei Reclam, Rowohlt und dtv) sowie in Literaturzeitschriften / -reihen (z. B. DAS GEDICHT, Poesiealbum neu und Poesie Agenda) und in Schulbüchern (bei Westermann).
Zuletzt als Buch herausgekommen sind sein zweiter Solo-Lyrikband »Das Objekt ist beschädigt – zumeist komische Gedichte aus einer brüchigen Welt« (muc Verlag 2016) und die beiden Herausgaben »Wenn Liebe schwant«, eine Anthologie mit neuen komischen Liebesgedichten zeitgenössischer Poeten (muc Verlag 2017), sowie »Semmel sei der Mensch, Bratwurst und Senf!« von Karsten Paul, das aus den »Gedichten mit Tradition« heraus entstanden ist und an dem Hornauer, wie in der Online-Reihe, als Herausgeber, Lektor und Einordnungstextverfasser beteiligt war (muc Verlag 2025).
Auf »DAS GEDICHT blog« hat er u. a. mehrere Online-Anthologien verantwortet, zu denen er auch je eigene Beiträge beigesteuert hat (etwa »Wenn Liebe schwant III« und »Vom Leder gezogen – zur EM 2016 in Frankreich«). Zusammen mit Alex Dreppec und Fritz Deppert hat er hier überdies die Reihe »Lockdown-Lyrik« herausgegeben, in der zahlreiche Poetinnen und Poeten den ersten Corona-Shutdown unmittelbar lyrisch begleitet und kommentiert haben.
Textzuechterei.de/autor.html
»Gedichte mit Tradition« im Archiv
Zu dieser Reihe: »Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie« ist eine Online-Sammlung zeitgenössischer Poeme, die zentral auf ein bedeutendes Werk referieren, ob nun ernsthaft oder humoristisch, sich verbeugend oder kritisch. Jeden zweiten Freitag erscheint eine neue Folge der von Jan-Eike Hornauer herausgegebenen Open-End-Anthologie. Alle bereits geposteten Folgen finden Sie hier.