Lockdown-Lyrik 2.0 / 025: »Meine Katze gibt der Stille Sinn« von Paul Archer

»Lockdown-Lyrik 2.0! Quarantäne poetisch ausleuchten – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung von Gedichten, die sich mit der Corona-Krise befassen. Es darf uns weiterhin die Sprache nicht verschlagen! In loser Folge erscheinen neue Episoden der nun von Sabine Schiffner, Anton G. Leitner, Alex Dreppec und Fritz Deppert herausgegebenen Anthologie (Dank an Jan-Eike Hornauer für die Mitherausgeberschaft bei Folge 1-154).

 

Paul Archer

Meine Katze gibt der Stille Sinn

Es war etwas, das ihr Katzenhirn quälte,
die lauten Tage, an denen es still wie die Nacht war,
kein rollendes Blech, stinkendes Abgas, das fehlte,
vielleicht starb die Welt oder sie war vor der Gefahr

erschrocken geflohen. Die Vögel, Fliegen und Ratten
und ihr Herrchen wurden zurückgelassen. Sie roch
Angstpheromone auf seiner Haut. Wie alle Katzen
mochte sie keine Störung ihrer Routine. Sie spürte doch

dass er es war, er, der diesen Raum einst erbaute,
in dem der Welt wilder Wille gezähmt wurde, dienlich
und sicher für sie. War er es wert, dass sie ihm vertraute?

Niemand sonst kam. Nur er und sie waren da.
Sie rieb ihr Fell daran, was immer es bedeutete, leckte sich
so, dass es nach ihr roch, das neue, das gleich war

 

My cat makes sense of the silence

It was something for her cat brain to ponder:
the noisy daytime had the quietness of night,
no moving metal machines, no smoky odour.
Perhaps the world was dying, or taking fright

had fled from danger. The birds, flies and rats
and her master were left behind. She smelt
pheromones of fear on his skin. Like all cats
she disliked disruption to her routine. She felt

he had built this space where the wild will
of the world was tamed, and made subservient
and safe for her. Could she trust him still?

It was just her and him there. No-one came.
She brushed her fur against what it meant,
licking it so it smelt of her, the new, the same.

 

 

© 2020 Paul Archer, Sòller
(Übersetzung und Redaktion: Sabine Schiffner)

 

 

Lockdown Lyrik 2.0. Wir hatten gehofft, dass es zu keinem zweiten Lockdown mehr kommen würde. Aber jetzt ist er angeordnet, der sog. »Wellenbrecher-Lockdown«. Er beginnt in Deutschland ab Montag, den 2. November 2020 – mit der Aussicht auf triste Herbst- und Wintertage. Grund genug für die Redaktion der Jahresschrift DAS GEDICHT, ihre vieldiskutierte Netz-Anthologie zur Corona-Krise vom Frühjahr 2020 wieder hochzufahren. Möge diese Online-Sammlung zur Pandemie uns allen einmal mehr dabei helfen, tief Luft zu holen und möglichst viele Aspekte der weltweiten Katastrophe mit dem Instrumentarium der Lyrik auszuleuchten, damit wir und unsere Leserinnen und Leser mental nicht unter die zweite Welle geraten!

Sabine Schiffner, Alex Dreppec, Fritz Deppert und Anton G. Leitner
 
PS: Alle bereits geposteten Folgen von »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« finden Sie hier. In loser, jedoch zügiger Folge wird die Sammlung erweitert.

 

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