Lockdown-Lyrik 2.0 / 089: »glück« von Kathrin Schadt

»Lockdown-Lyrik 2.0! Quarantäne poetisch ausleuchten – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung von Gedichten, die sich mit der Corona-Krise befassen. Es darf uns weiterhin die Sprache nicht verschlagen! In loser Folge erscheinen neue Episoden der nun von Sabine Schiffner, Anton G. Leitner, Alex Dreppec und Fritz Deppert herausgegebenen Anthologie (Dank an Jan-Eike Hornauer, Mitherausgeber Folge 1-154).

 

Kathrin Schadt

glück

Diese Nacht,
seine Brust,
meine Gedanken tragend.
***

Diesen Morgen,
in dieser Wohnung,
zu Hause sein.
***

Diesen Morgen,
genügend Kraft,
zum Aufstehen.
***

Im Morgengrauen,
alleine,
schreiben.
***

Am Morgen,
er dampfend,
aus der Dusche kommend.
***

Morgens,
alleine,
Lebensmittel kaufen.
***

Häufig auf der Straße,
Menschen,
wortlos ein gemeinsames Gefühl teilend.
***

Beim Betreten des Hauses,
die Maske,
abnehmen.
***

Mittags,
von Freunden,
Post aufmachen.
***

Diesen Nachmittag,
der Papagei,
im Hundenapf badend.
***

Den ganzen Tag,
die Tauben gurrend,
durch die offene Tür trotzdem vom Frühling erzählend.
***

Nachmittags,
Schüler,
unterrichten können.
***

Am Monatsende,
Rechnungen,
bezahlen.
***

Einmal am Tag eine Stunde,
die Tante,
das Kind anrufend.
***

Die letzten 76 Tage,
mit unserer Technik,
gesegnet sein.
***

In diesen Monaten,
40 dichtenden Kindern,
in einem nicht berührbaren Raum begegnen.
***

Weiterhin,
gemeinsam,
lachen.
***

Nach so vielen Tagen wieder draußen,
zum Beispiel Sport,
machen.
***

Manchmal,
trotz allem,
die alten Träume wagen.
***

Am Abend,
von ihm,
bekocht werden.
***

Nachts,
ihr kleiner Körper,
unter die Decke schlüpfend.
***

Eine Nacht,
durchschlafen.

 

Der vorliegende Text ist Teil des literarischen Projekts „Seitenwechsel“ der Herausgeberin Johanna Hansen. Geschrieben werden Tagebuchnotizen, die zeitgleich in verschiedenen Städten, in verschiedenen Ländern und in verschiedenen Sprachen entstehen. An einem bestimmten (vorgegebenen) Tag, machen sich 5 Autorinnen und Autoren Notizen über ihren Tag. Auf diese Art entsteht simultan ein Tagebuch. Es wird mindestens zwei Jahre lang – an einem jeweils für alle festgelegten Datum weitergeschrieben. Anschließend wird es als Anthologie publiziert.

 

© 2021 Kathrin Schadt, Barcelona/Berlin
(Redaktion: Anton G. Leitner und Alex Dreppec)

 

 

Lockdown Lyrik 2.0. Wir hatten gehofft, dass es zu keinem zweiten Lockdown mehr kommen würde. Aber jetzt ist er angeordnet, der sog. »Wellenbrecher-Lockdown«. Er beginnt in Deutschland ab Montag, den 2. November 2020 – mit der Aussicht auf triste Herbst- und Wintertage. Grund genug für die Redaktion der Jahresschrift DAS GEDICHT, ihre vieldiskutierte Netz-Anthologie zur Corona-Krise vom Frühjahr 2020 wieder hochzufahren. Möge diese Online-Sammlung zur Pandemie uns allen einmal mehr dabei helfen, tief Luft zu holen und möglichst viele Aspekte der weltweiten Katastrophe mit dem Instrumentarium der Lyrik auszuleuchten, damit wir und unsere Leserinnen und Leser mental nicht unter die zweite Welle geraten!

Sabine Schiffner, Alex Dreppec, Fritz Deppert und Anton G. Leitner
 
PS: Alle bereits geposteten Folgen von »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« finden Sie hier. In loser, jedoch zügiger Folge wird die Sammlung erweitert.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.