Lockdown-Lyrik 2.0 / 156: »ich versuche seit 58 tagen erfolglos zu weinen« von Jule Weber

»Lockdown-Lyrik 2.0! Quarantäne poetisch ausleuchten – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung von Gedichten, die sich mit der Corona-Krise befassen. Es darf uns weiterhin die Sprache nicht verschlagen! In loser Folge erscheinen neue Episoden der nun von Sabine Schiffner, Anton G. Leitner, Alex Dreppec und Fritz Deppert herausgegebenen Anthologie (Dank an Jan-Eike Hornauer, Mitherausgeber Folge 1-154).

 

Jule Weber

ich versuche seit achtundfünfzig tagen erfolglos zu weinen

was mich in diesen tagen nicht zum weinen gebracht hat:
ein video, in dem ein hund stirbt
die sehnsucht nach so manchem
die auseinandersetzung mit dem, was passiert ist
ein gespräch über richtig echte liebe
grenzenlose müdigkeit
dienstage
selbstzweifel
der geburtstag eines geliebten, der lange schon fort ist
angestoßene fußzehen
überforderte wut
all das funktioniert ansonsten verlässlich

was mich in diesen tagen zum weinen gebracht hat:
zwiebeln schneiden
shampoo im auge
beides zählt bekanntlich nicht

manchmal fühle ich, wie sich mein mund verzieht
wie es mir heiß in meine augen steigt
mein puls sich messbar beschleunigt
und ich greif nach dem gefühl und halte es
dann kichert es leise und rinnt mir durch die finger

an manchen tagen fühlt sich es an
als hätte die gute laune mich meine tränen gekostet
eine salzige wüste hinterlassen
und da stehe ich jetzt und bin unendlich durstig
mein mund so trocken, dass ich gar nichts mehr sagen kann

achtundfünfzig tage warte ich auf die katharsis
denke zurück an diese vier guten minuten
die ich das neue jahr mit bitterlichem gejaule begrüßte
wie eine rakete, die sich zündet
aber niemals zum leuchten explodiert

was ich in diesen tagen empfunden habe:
jede nur vorstellbare emotion

wie sich all das geäußert hat:
hysterisches lachen
angespanntes schweigen
ungebrochenes gerede
katzengleiches fauchen
grabentiefes seufzen
abgefuckte schlaflosigkeit
ein kratzen an haut und herz und in der stimme
verstärkte verwendung von fluchwörtern
fuck ey

kann man echte traurigkeit auf ebay kaufen?
ich biete gerne allen grund dazu
immer ein bisschen mehr als davor gerade
drei
zwei
eins

an manchen tagen sehe ich andere leute weinen
und mache mir notizen in ein kleines heft
über grund der tränen, menge
und beschaffenheit, wie salzig, wie schwer
ich studiere die dichte und viskosität

an manchen tagen will ich einen klempner kontaktieren
weil ich denke, irgendwas ist nicht intakt
hausmittel könnten sein:
backpulver und zitronensaft,
laut internet kann das blockaden lösen

ich träufle mir wehmut unter die lider,
einmal hab ich sogar celine dion gehört
so oft hab ich nachts vom weinen geträumt
und bin aufgewacht voller erwartung,
voller traurigkeit auch, die nur in mir bleibt
 

Y o u t u b e – Video des Gedichts:
https://www.youtube.com/watch?v=xkZv03TUytg

 

© 2021 Jule Weber, Bochum
(Redaktion: Alex Dreppec)

 

 

Lockdown Lyrik 2.0. Wir hatten gehofft, dass es zu keinem zweiten Lockdown mehr kommen würde. Aber jetzt ist er angeordnet, der sog. »Wellenbrecher-Lockdown«. Er beginnt in Deutschland ab Montag, den 2. November 2020 – mit der Aussicht auf triste Herbst- und Wintertage. Grund genug für die Redaktion der Jahresschrift DAS GEDICHT, ihre vieldiskutierte Netz-Anthologie zur Corona-Krise vom Frühjahr 2020 wieder hochzufahren. Möge diese Online-Sammlung zur Pandemie uns allen einmal mehr dabei helfen, tief Luft zu holen und möglichst viele Aspekte der weltweiten Katastrophe mit dem Instrumentarium der Lyrik auszuleuchten, damit wir und unsere Leserinnen und Leser mental nicht unter die zweite Welle geraten!

Sabine Schiffner, Alex Dreppec, Fritz Deppert und Anton G. Leitner
 
PS: Alle bereits geposteten Folgen von »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« finden Sie hier. In loser, jedoch zügiger Folge wird die Sammlung erweitert.

 

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