LYRIK-REVUE FOLGE 25: Im Wald sitzen Eulen wie Interpunktionen

Auszeichnungen, Institutionen, Konferenzen, Lesungen, Poesie im Feuilleton und Lyrik-Neuerscheinungen: Nicola Bardola kommentiert und präsentiert am 20. eines Monats Bemerkenswertes aus der Welt der Verse.

 
 

Porträt Heinz Peter Geißler
Autorenporträt Heinz Peter Geißler (Foto: Peter Frese)

Vogelfang im 21. Jahrhundert: Aus der Zeit gefallene, aber ganz neue Gedichte und Prosatexte schreibt Heinz Peter Geißler in „Ich geh mir einen Vogel fangen u.a.“. Geißler katapultiert uns in ein unbestimmtes Zeitalter in der Vergangenheit. Erst nach und nach bemerken wir, welche Wörter hier vollständig fehlen: Es gibt keine Autos in diesen gereimten Gedichten, keine Radios, keine Fernseher, keine Computer, kein Internet, keine Flugzeuge. Wir könnten in irgendeinem Jahrhundert sein, aber eher nicht im 20. oder 21. Oder doch? Es spricht hier ein entschlossenes und willensstarkes Ich, das wie besessen ist von seiner Berufung, vom Vogelfangen. Das Ich geht von seinem Haus aus beharrlich und immer wieder in den Wald: Er ist das natürliche Habitat des Voglers, der kaum Augen hat für andere Tiere. Es geht um die gefiederten Freunde oder Feinde oder Beutetiere. Die Vögel bilden die Essenz in der Vita des Protagonisten. Sie sind sein Ein und Alles. Immer wieder und zu jeder Jahreszeit, zu jeder Tages- und Nachtzeit stapft der Vogler in den Blätterdickicht, bewegt er sich im Unterholz. Dort im Wald befindet sich seine Aufgabe, dort findet er sein Auskommen, dort findet er die gesuchten Worte.
 
Der Vogler schleicht sich durch den Morgentau mit Leim und Ruten aus der Stadt. Er legt die Köder aus mit einem Raubgesicht und lacht unheimlich, wenn ihm wieder ein Gefiederter auf den Leim gegangen ist. Aber der Vogler will ja selbst ein Vogel – und zwar ein guter Vogel – sein. Der Vogler schläft in seinem Baum. Den Unterschlupf nennt er bald sein Nest. Bald zieht er seine Flügel an. Bald singt er Grüße an eine Vogelkönigin. Jetzt ist der Vogler da, wo die Vögel sind. Er kommt ihnen immer noch näher. Er beschreibt sie – ihre Aussicht, ihr Leben hoch oben, ihr Wesen. Der Autor schwingt hin und her, lässt den Vogler Vogel oder Vogler sein. Mal gehen die Geschäfte schlecht, dann werden die Vögel böser. Die Stimmung schwankt. Der Vogler stellt zu einzelnen Exemplaren Beziehungen her. Und Begeisterung durchströmt ihn: „Hörst du ihre Lieder? / Dunkel wild und wunderbar / Ich hör sie immer wieder“. Später driftet er ins Surreale, sucht sich einen Stein, ein schweres Korn, bindet Halme mit Knoten fest in seinem warmen Vogelschoß. Ein Du taucht auf, das zu Haus sich um ihn kümmern möchte, ihm Wein und Äpfel als Proviant mitgibt. Der Vogler, gar nicht hin und her gerissen, beschreibt nur den Wald, kaum das Zuhause, kaum das Zimmer: „Hier bin ich schon am rechten Ort“.
 
Ein zweiter Mann ist im Tal, wenn der Vogel-Vogler hinabschaut; wie abgespalten steht er dort unten mit seinem Wanderstab. Nach 21 Vogel-Gedichten beginnt teil zwei des Buches, „u.a.“: Hier wechselt Geißler zwischen Lyrik und lyrischer Prosa hin und her. Er stellt Bezüge her zum ersten Teil. Und öffnet neue Räume. „Ich weiß, dass das Blau vom Himmel kommt. Eine Freude, wie die Dächer schräg sind. Ein Gedicht ist das nicht.“ Fortan reflektiert Geißler sein Schreiben. Er brauche nur noch einen Buchstaben, gefallen wie ein Fels, wie ein literarischer Findling. Er zeichne ohne Papier, ohne Stift, er sei ein Tier. Es folgen Aperçus, Miniaturen von Essays mit aufblitzenden Zeilen: „Der Tellerrand wird breiter“, „Im Wald sitzen Eulen wie Interpunktionen“, „Ein Haus für den Mond“, „Das Licht kriecht aus den Lampen wie Nebel“, „Die Tür ist eine Wand“. Katzen mischen sich ein. Angeln statt Vogelfangen. Aber beim Angeln schläft er ein. Später sucht er im Traum einen Wanderstock und findet einen ganzen Arm. Er liegt im Satz „ich bin Müde“ wie in einer Waldlichtung: „Eine Stille wie ein Stein. Wie das Innere eines Steins.“ Leise dichtet sich Geißler in einen Natur- und Waldrausch hinein, der harmlos daherkommt, aber lange nachwirkt und mächtiger wird.
 
Der Herausgeber und Verleger dieses Buches Urs Engeler schreibt: „Als ich die Poesiezeitschrift ‚Zwischen den Zeilen‘ herausgab, kam mir 2000 per Post ein Gedichtzyklus ins Haus, der mir in seiner ganzen traurigen Schönheit als einer der eindringlichsten in Erinnerung geblieben ist: ‚Ich geh mir einen Vogel fangen‘. 20 Jahre später rief sich Heinz Peter Geißler wieder bei mir in Erinnerung mit einer Prosa, auf dem Weg zum Gedicht, und mit Gedichten, die fast noch weher sind als die ‚Vogellieder‘ von damals. Es spricht oder singt ein Ich, wie verloren in einem Traum: Leichter ist, ein Vogel zu fangen, als einer zu sein. Es ist ein schrecklicher Kampf zwischen Mensch und Vogel, ein Kampf um Leichtigkeit und Freiheit, und nicht ist ausgemacht, wer ihn gewinnt und die Schwere bezwingt.“
 

"grüne Tiefe" von Heinz Peter Geißler
Buchcover-Abbildung (Engeler)

 
 
Heinz Peter Geißler wurde 1962 in Fischen im Allgäu geboren. Er studierte Philosophie an der Hochschule für Philosophie SJ in München mit Abschluss M. A. mit einer Arbeit über „Mythos bei C. G. Jung“. Seit 1990 arbeitet er als freier Redakteur und Lektor für verschiedene Verlage. Geißler bekam 1997 das Literaturstipendium der Landeshauptstadt München. Zwischen 2000 und 2006 veröffentlichte er vier Bilderbücher im Carl Hanser Verlag. Zudem veröffentlichte er zahlreiche Beiträge in Anthologien und Zeitschriften und war als Herausgeber tätig. Sein neuestes Buch „grüne Tiefe“ ist soeben im Urs Engeler Verlag erschienen. Heinz Peter Geißler wohnt in München.
 
 
 

"Ich geh mir einen Vogel fangen u.a." von Heinz Peter Geißler
Buchcover-Abbildung (Engeler)

 
 
 
 
 
 
 
 
 
Heinz Peter Geißler: Ich geh mir einen Vogel fangen u.a. Engeler Verlag. Band 3 der Neuen Sammlung im Verlag von Urs Engeler, 2021. 82 Seiten, Euro 10. ISBN 978-3-906050-83-6.
 
 
 

Nicola Bardola. Foto: privat
Nicola Bardola. Foto: privat

Nicola Bardola, 1959 in Zürich geboren, veröffentlichte als Student an der Universität Bern erste Gedichte und schrieb 1984 an der Universität Zürich im Fach Germanistik seine Lizentiatsarbeit über Theorien moderner Lyrik (u. a. zu Nicolas Born, Rolf Dieter Brinkmann, Jürgen Theobaldy). Seither lebt er in München, wo er seine Kolumne »Lyrik Revue« zunächst für das Münchner BuchMagazin betreute und für die Süddeutsche Zeitung schrieb. Er veröffentlichte Gedichte in Zeitschriften und Anthologien, übersetzte Eugenio Montale ins Deutsche und war Mitbegründer der Initiative Junger Autoren (IJA). Zuletzt erschien von ihm „Elena Ferrante – Meine geniale Autorin“ im Reclam Verlag.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Lyrik-Revue« finden Sie hier.

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