Eingestreute Kritik von Hellmuth Opitz
Zwei bemerkenswerte Gedichtbände aus dem ersten Halbjahr 2026 sind zweifellos »und später die nacht mit ihrem aufgerissenen maul« von Stefan Heuer sowie »Etwas wie ein Koffer, aus dem ein Hemdzipfel schaut« von Walle Sayer. Nachfolgend werden sie, die vom Finalen und vom Filigranen handeln, ausführlich vorgestellt.
Stefan Heuer: »und später die nacht mit ihrem aufgerissenen maul«
Vor einigen Jahren begegnete der Hannoveraner Dichter und Musiker Stefan Heuer einem alten Schul- und Jugendfreund wieder, den er über längere Zeit nicht gesehen, etwas aus den Augen verloren hatte. Dieser fast vergessene Freund hatte vom Arzt gerade die Diagnose erhalten, dass er sich in der finalen Phase einer tödlichen Krankheit befinde. Die vorhergesagte Lebenserwartung: gerade mal noch drei Monate. Und selbst diese prognostizierte 90 Tage restliche Lebenszeit sollte es letztendlich nicht geben, es gab nur 58, bevor der Freund starb. Stefan Heuer hätte es sich einfach machen können, in der lyrischen Erschütterung erstarren und das Ganze mit Metaphern der Betroffenheit schmücken. Die Gefahr war ja durchaus real: Allein die Begegnung mit einem Freund , den man lange nicht gesehen und der gerade eine solche Diagnose erfahren hat, das hat ja eine existenzielle Wucht, die lyrische Expression, die über reine Anteilnahme hinausgeht, durchaus schwer machen kann.
Wie löst Stefan Heuer das Problem? Auf ganz unterschiedliche Weise. Man sehe sich nur einmal das Satzbild der Gedichte an. Es ist etwas zerpflückt und mutet an, als sei der Schicksalsschlag auch zwischen die Strophen gefahren und habe sie zu Einzelsätzen verstreut. Im Grunde ist das Ganze ein Langgedicht, scheinbar assoziativ, und doch folgt es einer stringenten Erzählung. Es beginnt mit einer göttlichen Erscheinung: »Und als der tag beginnt, erscheint ein gott, ein halbgott. / um seinen hals eine schlange, gewunden und // schwarz.« Ein Bild mit hoher Symbolkraft, es könnte in puncto Unheilsverkündung auch in der Offenbarung des Johannes stehen, und es knüpft direkt an den Titel des Bandes »und später die nacht mit ihrem aufgerissenen maul« an. Von Anfang an wird klar, dass der Betrachter dieses Schicksals, mithin der Autor, nicht gewillt ist, billigen Trost zu spenden oder poetische Salbe auf die Botschaft des nahen, unausweichlichen Todes zu streichen, »davon zu schreiben, den fuß vor den anderen zu setzen, / den alltag zu durchschreiten, bis vom weg nichts bleibt«. Stattdessen: »verbrannte erde, / und schon morgen kommt die asche an den flieder.« Diese scheinbar lapidare und lakonische Tonlage ist ein Schutzmechanismus gegen die eigene Hilflosigkeit. Doch es ist nicht nur Hilflosigkeit, es ist auch Zorn, aber der hat ebenso eine Schutzfunktion.
Auch in der nächsten poetischen Passage kommt wieder biblisches Personal vor: »hiob betritt das zimmer, bringt seine haare in ordnung / und streicht den kasak glatt. um seinen hals die schlange.« Wieder das Bild der Schlange, die aber nicht wie einst im Garten Eden als Symbol der Verführung auftritt, sondern als tödliche Bedrohung – und das um den Hals von Hiob, dem Propheten, dem Erdulder großen Leids, der menschlichen Klagemauer und dem sprichwörtlichen Überbringer unheilvoller Botschaften. Hiob hat so viele Schicksalsschläge mitmachen müssen, dass eigentlich Gott bei ihm Abbitte leisten müsste. Aber schon zwei Verse weiter kommt die Aussage: »komm mir nicht mit kirche!« Die kursive Setzung dieses Ausrufs lässt vermuten, dass er von dem Freund selbst kommt, der sich hier einen sakral parfümierten Trost verbittet. Denn die tödliche Krankheit rast mit so einem unerbittlichen Tempo heran, dass kaum Zeit bleibt, letzte Dinge zu regeln, sich vorzubereiten, eine innere Haltung aufzubauen, Abschied zu nehmen: »von einem schleichenden prozess zu sprechen, nun ja; / das ei ist von heute auf morgen mehr als doppelt so groß, / die wolke: erst nicht vorhanden, dann schon abgeregnet.« Ein interessantes Bild, um des Tempo einer Metastasen streuenden Krebserkrankung zu illustrieren. Später heißt es: »vom himmel gefallen, von jetzt auf gleich.«
Doch Stefan Heuer bleibt nicht bei der lyrischen Inszenierung medizinischer Prozesse stehen, er nutzt die existenzielle Lage für lyrische Erinnerungsausflüge in Kindheit, Jugend und gemeinsame Erlebnisse mit diesem Freund. Diese Ausflüge finden dabei immer auf der Gegenwartsfolie der Vergänglichkeit statt. Dies wird auch durch Collagen verdeutlicht, die von Stefan Heuer stammen und als durchgängiges visuelles Element schwarze Balken zeigen, die sich im Übrigen auch auf dem Cover wiederfinden, zusammen mit der mehrfach erwähnten Schlange.
Eingangs war von einer stringenten Erzählung die Rede, der Schluss des Bandes folgt dann auch der irdischen Logik, der Tod und die anschließenden Bestattungsrituale werden thematisiert – und das ganz klar und eindrücklich, ohne metaphorische Ausreden: »wir lassen dich gehen. / einer muss vorgehen, wenn die anderen folgen sollen.« Mit diesem Band beweist Stefan Heuer höchst virtuos, wie facettenreich und genau die Poesie ein eigentlich so unfassbares Thema wie Krankheit und Tod fassen kann. Mit diesen Gedichten hat er – um im medizinischen Vokabular zu bleiben – eine Intensivstation aus Sprache geschaffen.

Stefan Heuer
und später die nacht mit ihrem aufgerissenen maul
Elif 2026
Gebunden
80 Seiten
20,– €
ISBN 978-3-912550-00-9
Walle Sayer: »Etwas wie ein Koffer, aus dem ein Hemdzipfel schaut«
Walle Sayer ist ein Meister der poetischen Miniatur, des aus den Augenwinkeln wahrgenommenen, scheinbar unscheinbaren Details, kurzum: ein Meister des präzisen Blickes. In seinem neuen Band wird das gleich schon im Titel deutlich: »Etwas wie ein Koffer …«, das hört sich zunächst nach einer eher diffusen Wahrnehmung an, nach etwas Ungefährem, jedenfalls nicht nach einem genau aufgenommenen Sinneseindruck. Doch der Titel geht ja weiter: »… aus dem ein Hemdzipfel schaut«, und schon verwandelt sich das eben noch Ungefähre in etwas Präzises, und als Leser hat man sofort ein konkretes Bild vor sich. Sayer gelingt es also schon im Titel, die Linsen scharf zu stellen und das Interesse für das sinnliche Detail zu wecken. Für diese Form lyrischer Suche führt er in den Anmerkungen des Bandes auch jede Menge prominente lyrische Fürsprecher ins Feld. »Es sind Fetzen, Flicken, Schnipsel des Alltags«, so die finnlandschwedische Poetin Edith Södergran zu dieser Art des Schreibens, und die Schweizer Dichterin Erika Burkart spricht von Kernen, »eingeschlossen in Marginalien«. Sayer zitiert zudem den polnischen Lyriker Adam Zagajewski: »Poetische Splitter sind zu mehr fähig als Philosophien.« Sowie den 2023 verstorbenen amerikanischen Dichter Charles Simic: »Die Ewigkeit ist neidisch auf die Sekunde.«
All das sind treffende Zitate und berufene Zeugnisse für den Wert des Augenblicks, des Partikels, des winzigen Puzzleteils des Alltäglichen. Es stimmt: Ein einziger achtlos weggeworfener Kronkorken auf dem Bürgersteig kann das Schillern einer ganzen Straßenbeleuchtung einfangen. Aber wie lassen sich die aufgerufenen Zitate auf den Titel anwenden? Koffer und Hemdzipfel sind die Essenzen einer Beobachtung, die Walle Sayer in einer Bahnhofshalle macht: ein alter Mann, der rastlos auf und ab geht und dabei einen Koffer hinter sich herzieht, aus dem ein Hemdzipfel schaut. Und, so der Dichter: »Dieser Hemdzipfel also: das, was ohne zu sprechen für sich selber spricht. Die Intensität der Wahrnehmung geht aus von einem Detail oder sie führt hin zu einem Detail …« Schon Friedrich der Große mahnte an: »Achtet mir auf die Details, sie sind nicht ohne Wert!«
Nun aber zu den Gedichten selbst. Oft sind es nur aufblitzende Momente, Augenblicksbeobachtungen, die nicht in irgendwelche größeren Sinnzusammenhänge gestellt werden müssen, sondern sich vollkommen selbst genügen. In dem Kapitel »Die Detailsammlung aufschlagen« finden sich solche Momente, auf die sich die Aufmerksamkeit des Dichters wie ein kurzes Spotlight richtet: »Angeschwemmtes Mechanikteilchen, / das keine Ahnung mehr hat von seiner Funktion, wie ein Bezugspunkt des Unscheinbaren: / die im Kehricht gefundene Spiralfeder.“ Ja, es bedarf schon eines extrem genauen Blicks, um das Unscheinbare aus dem Alltäglichen herauszulösen.
Ein gutes Beispiel für einen solchen Blick ist auch der folgende Dreizeiler: »Der Ohrring, der aussah / wie ein Angelhaken, der / aussah wie ein Ohrring.« Eine kleine Trouvaille, die dennoch Platz für interpretatorische Spielräume lässt, denn sowohl der Ohrring als auch der Angelhaken sind auf ihre eigene Weise ein wortwörtlicher Blickfang für die verfeinerte Wahrnehmung. Auch das Banale kann somit eine Fundgrube für poetische Doppeldeutigkeiten sein. Es kann aber auch ganze Geschichten erzählen, wie hier ein profaner Bierdeckel: »Rundherum / auf dem noch unbezahlten Bierdeckel, / die immer zittrigeren Abstände / zwischen den Strichen.« In einem im Grunde so einfachen Bild lässt sich die ganze Story des Sich-gepflegt-Betrinkens fassen. Es braucht nicht mehr.
Den Gedichten und Miniaturen von Walle Sayer ist anzumerken, dass die meisten Beobachtungen einem eher ländlichen, dörflichen Umfeld entstammen. Sie sind wie kleine Gebäude, in denen Stillleben und Pastiches wohnen dürfen wie etwas fast Vergessenes, ein idyllisches Setting. In diesem Rahmen können sich sogar magische Dinge ereignen, wie in dem wunderbaren Gedicht »Ortsrand«: »Nach über zwanzig Jahren / innerhalb von sechs Monaten / ausziehen zu müssen aus einer Wohnung / ist eine wichtige Lektion / und eine Zeitformel. // Noch lange danach verlangsamte sich / beim Vorbeifahren die Fahrt / und wir sahen hoch. // Einmal ging in einem solchen Augenblick / das Licht an im ehemaligen Kinderzimmer: / als schlage das Haus seine Fensteraugen auf / und erkenne uns.« Als blinzele die ehemalige Heimat den Vorbeifahrenden noch einmal zu. Dabei vermeidet Walle Sayer höchst geschickt das Abdriften ins Sentimentale, denn das Wiedererkennen wird dem Haus zugeschrieben und nicht dem lyrischen Wir, das sich erinnert.
Einige der Gedichte dieses Bandes enthalten solche Zeitformeln, sie sind Zeitkapseln, die hoch flüchtige Erinnerungsstoffe aufbewahren »vom Voilá des Augenblicks« bis zum »verlorenen perdu« wie es in dem Gedicht »Mitsummen« heißt. Und so ist der neue Band von Walle Sayer nicht nur »Etwas wie ein Koffer, aus dem ein Hemdzipfel schaut«, sondern vor allem ein Gepäckstück voller »wichtiger Lektionen«, genauer gesagt: ein Lehrstück, und jedes Gedicht darin ist eine Schule des genauen Hinsehens.

Walle Sayer
Etwas wie ein Koffer, aus dem ein Hemdzipfel schaut
Kröner Edition Klöpfer
Festeinband mit Schutzumschlag und Lesebändchen
128 Seiten
22,– €
ISBN 978-3-520-72505-6




