Für die Gesprächsreihe »MonTalk« der Monacensia, des Literaturarchivs der Stadt München, das auch seinen literarischen Vorlass übernimmt, hat sich der Lyriker und Stammherausgeber von DAS GEDICHT, Anton G. Leitner, mit seinem langjährigen poetischen Weggefährten Nicola Bardola getroffen. Im Interview geht es darum, ein Lebenswerk gut zu abzusichern und zugänglich zu halten, aber auch darum, wie alles begann. Erschienen ist es am heutigen Montag, 1. Juni 2026, auf der Webseite der Monacensia. Wir geben es hier mit freundlicher Erlaubnis der Einrichtung und von Nicola Bardola originalgetreu wieder. (jeh)
MonTalk mit Anton G. Leitner
Wie kam es, dass du die Juristerei aufgegeben hast zugunsten der Literatur?
Um ehrlich zu sein: Eigentlich habe ich in den 80er-Jahren an der LMU nebenbei Jura studiert, weil ich mich hauptsächlich um die von mir mitbegründete »Initiative Junger Autoren« (IJA) kümmerte, deren Vorsitzender ich fast zehn Jahre lang war. Schon damals organisierte und kuratierte ich große, internationale Veranstaltungen wie 1988 die »Inter-Aktionen. Tage junger Literatur« im Kulturzentrum Gasteig. In der Uni war ich nur selten, ich biss dann aber ein Jahr lang die Zähne zusammen, besuchte Repetitorien und paukte Tag und Nacht. So erwarb ich im Schnelldurchgang das nötige Rüstzeug, um das Erste Juristische Staatsexamen zu bestehen. Ich habe sogar noch das juristische Referendariat im OLG-Bezirk München absolviert, aber dabei ist mir endgültig klargeworden, dass ich in meinem Leben nur glücklich werden kann, wenn ich mich voll und ganz der Lyrik verschreibe. Meine Frau Felizitas, eine sehr kluge und auch warmherzige Allgemeinmedizinerin, hat mich maßgeblich auf diesem dornigen Weg unterstützt und es mir ermöglicht, meine Berufung zum Beruf zu machen. Denn es gibt garantiert viel mehr gute Juristinnen und Juristen als Herausgeberpersönlichkeiten, die über das Talent verfügen, die poetische Spreu vom echten Gedichtweizen zu trennen. Das Vernetzen vieler Dichterinnen und Dichter untereinander, ihre Werke zu drucken oder im Internet zu publizieren und sie live zu präsentieren, aber auch selbst immer dichtend am Ball zu bleiben, das war und ist bis heute mein Leben.

Welche Rolle hat dabei die Stadt München gespielt?
Ich habe meine Geburtsstadt München immer als meine geistige Heimat empfunden. Dort verbrachte ich mein erstes Lebensjahr, später besuchte ich das humanistische Wittelsbacher Gymnasium, danach studierte ich in der Isarmetropole, war ein Jahrzehnt lang ständig für die IJA aktiv, schrieb als Student für den Münchner Merkur und seltener auch für die Süddeutsche Zeitung, fand meine Poetenfreunde fürs Leben wie Friedrich Ani, Helmut Krausser oder dich, Nicola Bardola, um nur einige namentlich zu nennen. Und habe dort, nach meiner Berufung in den Kreis der Münchner Turmschreiber, maßgeblich dazu beitragen können, diese altehrwürdige Autorenvereinigung der Stadt – anfänglich gegen sehr hohe Widerstände – zu öffnen, besonders für jüngere Kollegen und vor allem für Autorinnen. Mein Wohn- und Arbeitsort Weßling war und ist für mich bis heute ein Rückzugsort im Sinne der antiken Idealvorstellung vom abwechselnden Stadt- und Landleben. Ohne München vor der Haustür und ohne meine vielen Freunde dort würde ich es in Weßling nicht aushalten.
Dein 65. Geburtstag steht bevor und dazu ein besonderes Buch: Was kannst du über diesen Gedichtband schon verraten?
Ich habe das große Glück, am Bloomsday Geburtstag zu haben, also am 16. Juni. Dazu bin ich auch noch am 16.6.61 geboren, ein Geburtsdatum, das man auch rückwärts lesen kann. Ich schreibe seit dem Jahr 1979 kontinuierlich Gedichte. Gedichte haben immer die Tendenz, sich zu zerstreuen, zu verlieren. Da sich zu meiner angeborenen Schwerbehinderung, einer Lymphdrüsenerkrankung namens Elephantiasis, und zu ADS auch noch 2018 eine doppelseitige Lungenembolie, 2019 ein Herzinfarkt, 2023 eine lebensgefährliche Blutvergiftung und 2025 ein multiresistenter Krankenhauskeim hinzugesellten, verstärkte sich in mir der Wunsch, mein lyrisches Werk zu ordnen, bevor mich einmal ein neues Krankheitsevent aus der Liga meiner Vorerkrankungen für immer handlungsunfähig macht. 17 Monate lang sichtete ich mit meinen beiden Lektorinnen Gabriele Trinckler und Johanna Trischberger alles, was ich je an Lyrik publiziert und geschrieben habe. Wir verglichen die verschiedenen Fassungen der einzelnen Gedichte und trafen daraus eine Auswahl von 420 Texten, die wir für repräsentativ für mein gesamtes Schaffen erachteten. Wir entschieden uns für eine chronologische Anordnung unter Hinzufügung der Datierungen, Entstehungsorte und Quellennachweise. Fünf Literaturwissenschaftler und Kritiker haben uns dabei unterstützt. Sie begleiten auch mit sachkundigen Essays meine Werkausgabe: die junge Schriftstellerin und Übersetzerin Lorena Pircher aus Wien, der Feuilletonist Dr. Alexander Altmann, Dr. Ulrich Johannes Beil, Professor emeritus für Germanistik und Komparatistik, Dr. Norbert Göttler, hauptamtlicher Bezirksheimatpfleger von Oberbayern 2012 bis 2022, sowie der Lyriker und Essayist Christoph Leisten aus NRW. Die Buchgestaltung übernahm das Künstlerpaar Carola Vogt und Peter Boerboom aus Münsing, mit dem ich seit Jahrzehnten kreativ zusammenarbeite.
Meine Werkausgabe ist 576 Seiten stark, ihr Titel lautet: »Spät öffnet sich das Licht. Ein Leben in Gedichten. Retrospektive 1980 bis 2025«. Nie habe ich an ein Buch länger hingearbeitet, es ist das Projekt meines Lebens geworden und es hätte ohne die vielen Unterstützerinnen und Unterstützer nie erscheinen können. Die öffentliche Buchpremiere und das dazugehörige Geburtstagsfest steigen am 16. Juni 2026 ab 19 Uhr im Lyrik Kabinett in München.
Der Monacensia hast du deinen Vorlass übergeben: Wie ist die Aktion über die Bühne gelaufen?
Mein literarischer Vorlass ist ein ungewöhnlich umfangreicher Vorlass, weil er nicht nur mein eigenes, langjähriges literarisches und editorisches Werk umfasst, sondern auch das Archiv der »Initiative Junger Autoren« (IJA) und das riesige Archiv meines Verlags, in dessen Arbeitszentrum bis heute die buchstarke Jahresschrift »Das Gedicht« steht, mit entsprechend vielen Korrespondenzen, Manuskripten, Buch-Belegexemplaren sowie Ton- und Videobildträgern. Nach einem ersten, ausführlichen Gespräch in der Monacensia, für das sich die Leiterin der Monacensia Anke Buettner sowie der Leiter des Literaturarchivs Thomas Schütte mehrere Stunden Zeit genommen hatten und an dem auch meine Frau Felizitas beteiligt war, stimmten beide Seiten darin überein, dass die Monacensia der richtige Ort für die Aufnahme und Verwaltung meines literarischen Vorlasses ist, auch weil ich als ungewöhnlich großer Netzwerker mit jahrzehntelangem München-Bezug sehr gut in deren Sammlungsprofil passe. Wir sichteten unzählige Ordner, versahen sie mit Objektnummern, ordneten sie meinem eigenem Vorlass, dem Archiv der »Initiative Junger Autoren« und dem Archiv meines Verlags zu und legten für jedes einzelne Objekt den Zeitpunkt der Übergabe fest. Die Übergabe sollte in drei Chargen erfolgen: Die erste Charge Ende 2024, kurz vor Weihnachten, die zweite Charge im Frühjahr 2025 und die dritte Charge nach meinem Tod. Gleichzeitig stimmten wir uns mit meinem Steuerberater ab, was die Übergabe von Geschäftsberichten des Verlags betraf. Der ganze Prozess dauerte vom ersten Gespräch im Frühjahr 2024 bis zum Frühjahr 2025. Die Sichtung meines Archivs war eine Reise durch mein gesamtes Leben, die Trennung von allem, was mir so viel bedeutete, ein hoch emotionaler Vorgang – wobei die Übergabe der ersten Charge einige Tage vor Weihnachten, am 20. Dezember 2024, auch eine große physische Anstrengung war, denn der Jurist Jonas Menzel kam zusammen mit einem Archivar nach Weßling, um gemeinsam mit mir die ersten gepackten ca. 50 Umzugskartons vom Verlagsuntergeschoss in ihren Lieferwagen zu verfrachten. Danach waren wir alle drei ziemlich erschöpft und beschlossen, dass die zweite Charge, die ich mit meinem Team noch packen musste, dann im Frühjahr 2025 von einer Spezialspedition abgeholt werden würde, was dann auch völlig reibungslos über die Bühne ging.
Was bedeutet für dich die Monacensia?
Die Monacensia ist für mich so etwas wie meine verlängerte Münchner Wohnung in Traumlage, der Wunschort, wo ich mich und mein Werk gut aufgehoben sehe, auch dann, wenn ich einmal nicht mehr bin, und zudem ein Ort, wo auch die Werke von vielen literarischen Weggefährten und Freunden aufgehoben sind, beispielsweise von Herbert Rosendorfer, von Said und Gert Heidenreich. Es ist, gerade für mich, der ich von Kindesbeinen an lernen musste, mit einer schweren und seltenen Krankheit zu leben und zu überleben, eine beruhigende Aussicht, dass es diesen Ort der Bewahrung des literarischen Gedächtnisses in München gibt und ich als Mitbewohner dort einziehen durfte. Und es ist auch ein sehr befreiendes Gefühl, rechtzeitig losgelassen zu haben und mich von Dingen getrennt zu haben, die mir so viele Jahre lang so sehr viel, wenn nicht sogar alles, bedeutet haben in Leben. All das, was ich über die Jahrzehnte zusammengetragen habe, bleibt damit auf längere Sicht der Öffentlichkeit und der Wissenschaft erhalten, damit kann ich auch allen, die mich in meinem Schriftsteller- und Editoren- sowie Verlegerleben unterstützt haben, allen voran meiner Heimatstadt München, etwas zurückgeben.
Aufgrund des Umfangs meiner Archive wären bei realistischer Betrachtung nur zwei Archive für die Aufnahme in Frage gekommen: die Monacensia oder das Deutsche Literaturarchiv Marbach (DLA). Für mich persönlich war die Monacensia die erste Wahl, weil mir dieser Ort schon sehr lange etwas bedeutet, so feierten wir beispielsweise im Mai 1991 dort mit der »Initiative Junger Autoren« die 50. Ausgabe unseres Literaturflugblatts »Der Zettel« – es war ein großes Sommer- und Literaturfest, das mir bis heute in guter Erinnerung geblieben ist.
Die sensible, respektvolle Aufnahme und Behandlung von mir und meiner Frau Felizitas durch die Leitung und das Team der Monacensia zeigt mir, dass meine Entscheidung richtig war.




