Lyrik-Revue, Folge 30: Bach, Bachmann und die Beatles – Einblicke in die Schallplattensammlung der »Diva der Dichtkunst«

Auszeichnungen, Institutionen, Konferenzen, Lesungen, Poesie im Feuilleton und Lyrik-Neuerscheinungen: Nicola Bardola kommentiert und präsentiert in loser Folge Bemerkenswertes aus der Welt der Verse.

 

Am Donnerstag dieser Woche, am 25. Juni 2026, ist zugleich mit dem hundertsten Geburtstag von Ingeborg Bachmann auch der jährliche »Global Beatles Day«. Passend dazu wurde in der Zeit vom 18. Juni 2026 (Ausgabe 27) erstmals Bachmanns Gedicht »Meine Beatles« veröffentlicht. Es macht deutlich, wie sehr die Dichterin, die bisher eher als dem Barock nahestehend galt, den Fab Four verbunden und von ihnen beeinflusst war.  

In München hatte sich Bachmann Ende 1957 einen Plattenspieler auf Raten für ihre Wohnung in der Franz-Joseph-Straße 9a gekauft. Sie war stolz auf ihr Musikzimmer. Ihr Piper-Lektor Reinhard Baumgart erinnert sich, wie sie während der Arbeiten an einer Druckfassung des Hörspiels Der gute Gott von Manhattan zu Hause mit ihm begeistert Maria Callas hörte. Schon davor liebte es Bachmann, die Nadel in die Einlaufrillen von Vinyl-Alben sinken zu sehen. »Heute Nacht ist das letzte Qualmanuskript aus dem Haus gegangen und tagsüber habe ich in wilder Genusssucht alle die schönen Platten abgehört und sehr an Sie gedacht, wenn die Callas ihre besten Momente gehabt hat […] Die Callas singt jetzt übrigens immer schöner […] Lucia di Lammermoor und noch mehr die Tosca sind das Schönste, was ich je gehört habe von Menschenstimmen«, schreibt sie dem Leiter der Hörspielabteilung von Radio Bremen,Oswald Döpke.

Aber wie sah die Plattensammlung Bachmanns aus, die bis zu ihrem Tod 1974 mehrfach über Landesgrenzen hinweg umgezogen wurde? Die Bachmannforscherin Karen R. Achberger veröffentlichte 2004 im Band Über die Zeit schreiben 3, herausgegeben von Monika Albrecht und Dirk Göttsche, eine Reportage unter dem Titel »… dieser Klang, der dir Heimweh macht – Ingeborg Bachmanns Schallplattensammlung«: »Dass nicht nur Musik schlechthin, sondern auch Schallplatten bei Bachmann eine Rolle gespielt haben, zeigt das Ende des Malina-Romans. Es ist nicht zufällig, dass hier gegen Malinas Zerstörungswut ausgerechnet eine ›Schallplatte‹ des Ich ›den größten Widerstand leistete‹«, so Achberger, Bachmann zitierend.

Im Frühjahr 1987 bot sich der Bachmann-Expertin Achberger die Gelegenheit, mehrere Tage im Haus der Familie Bachmann in der Henselstraße 26 in Klagenfurt zu verbringen, um die Bibliotheks- und Schallplattenbestände Ingeborg Bachmanns im Nachlass durchzusehen: »Ingeborg Bachmanns Mutter Olga hatte mir gastfreundlich ihr Haus geöffnet, an einem Nachmittag sogar Kaffee und Gebäck serviert und sich zu einem langen Gespräch zu mir gesetzt.« Achberger darf sich damals das ganze Haus ansehen, das später stark verändert und zum Museum umgewandelt wurde. »Die 89 Langspielalben, von denen ich die Titel und bibliographischen Angaben notiert habe, standen verstaut in einer großen Kiste auf dem Dachboden.«

Achbergers Schwerpunkt liegt auf den Büchern. Bei den Vinyl-Alben interessiert sie sich vor allem für die Platten-Informationen auf den Hüllen, davon ausgehend, dass Bachmann sie gelesen hat. Sie findet zahlreiche Sprechplatten, Schenkungen, manchmal mit Widmungen von Dichterfreund:innen, u. a. von Allen Ginsberg, Fritz von Opel, Nelly Sachs, Johannes Urzidil. Einen Schwerpunkt der Sammlung bildet Johann Sebastian Bach: Acht Langspielplatten von Bach befinden sich in Bachmanns Sammlung. Ihr jüngerer Bruder Heinz Bachmann erinnert sich, mit seiner Schwester im Oktober 1959 anlässlich eines Besuchs im Haus zum Langenbaum in Uetikon in der Schweiz die Aufnahme Play Bach mit dem Jazz-Pianisten Jacques Loussier gemeinsam angehört zu haben. Bach bildet ein verbindendes Element zwischen Bachmann und den Beatles. Der Einfluss des Barock-Genies mit Langzeitwirkung auf die Beatles und insbesondere auf den fünften Beatle, George Martin, ist gut dokumentiert. Nebst zahlreichen Aufnahmen von Mozart und viel Klassik von Bartok bis Vivaldi finden sich in Bachmanns Sammlung Besonderheiten wie Phallus Dei von Amon Düül II, Monster Movie von The Can, Trompeten-Unterricht und andere Lachstücke von Karl Valentin und Die Aufgabe der Literatur von Peter Suhrkamp. Von den Beatles aber keine Spur.

Ingeborg Bachmann hat in Rom oft bei ihrem guten Freund Hans Werner Henze Schallplatten gehört: »Sie kam ja oft zu mir nach Marino, und dort haben wir viel Musik gehört, nicht zuletzt weil ich einen sehr guten Plattenspieler hatte und immer die neuesten Sachen«, so Henze. Ein Kollege schrieb mir nach der Veröffentlichung von »Meine Beatles« und meinem zugehörigen Artikel »Die Beatles und die Bachmann« in der Zeit: »Eben las ich Ihre interessanten Ausführungen über Ingeborg Bachmann und die Beatles. Bei der Geometrie fällt mir nicht nur Don Juan ein, sondern das Herumhüpfen der Beatles in dem Film A Hard Day’s Night zu Can’t Buy Me Love. Ihr Freund Uwe Johnson erwähnt den Film einmal spielerisch, es ist also gut möglich, dass sie ihn gesehen hat.« Zudem schaltete Bachmann in Schreibpausen oft den Radio ein. Eine der größten Überraschungen im Zusammenhang mit Bachmanns »Meine Beatles« besteht also darin, dass sie über die Fab Four, aber nicht über Bach gedichtet hat.

Im März 1956 entsteht in München eine Porträtbüste der Dichterin durch die Bildhauerin Chrysille Schmitthenner-Janssen. Sie betont Bachmanns Frisur, die an die Pilzköpfe erinnert, wie sie von Astrid Kirchherr und Jürgen Vollmer Anfang der 1960er Jahre bei Stuart Sutcliffe, John Lennon, Paul McCartney und George Harrison geschnitten und gekämmt wurden. Aber damals – im März 1956 – gab es noch nicht die Mop-Tops aus Liverpool. 1956 gründete John Lennon erstmal die Vorgängerband der Beatles, The Quarrymen. Die musikalischen Newcomer – allesamt noch Teenager – sahen mit ihren Slick-back-Frisuren aus wie Elvis.


 

Protrait: Nicola Bardola. Foto: privat
Nicola Bardola, 1959 in Zürich geboren, veröffentlichte als Student an der Universität Bern erste Gedichte und schrieb 1984 an der Universität Zürich im Fach Germanistik seine Lizentiatsarbeit über Theorien moderner Lyrik (u. a. zu Nicolas Born, Rolf Dieter Brinkmann, Jürgen Theobaldy). Seither lebt er in München, wo er seine Kolumne »Lyrik Revue« zunächst für das Münchner BuchMagazin betreute und für die Süddeutsche Zeitung schrieb. Er veröffentlichte Gedichte in Zeitschriften und Anthologien, übersetzte Eugenio Montale ins Deutsche und war Mitbegründer der Initiative Junger Autoren (IJA). Zuletzt erschien von ihm „Elena Ferrante – Meine geniale Autorin“ im Reclam Verlag. Alle bereits erschienenen Folgen von »Lyrik-Revue« finden Sie hier.

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