Lyrik-Revue, Folge 29: Auf der Auer Dult wollten wir Bücher finden

Auszeichnungen, Institutionen, Konferenzen, Lesungen, Poesie im Feuilleton und Lyrik-Neuerscheinungen: Nicola Bardola kommentiert und präsentiert in loser Folge am 20. eines Monats Bemerkenswertes aus der Welt der Verse.

 

Augusta Laar hat mit 68 Haikus ein Isar-Lyriversum geschaffen: Die durchnummerierten Dreizeiler springen von einem Münchner Ort zum nächsten, aber sie enden jeweils nicht mit dem letzten Buchstaben eines Haikus, sondern führen mit einfallsreichen Zeilensprüngen örtlich und inhaltlich über das Ende der Haiku-Zeile hinweg zum Beginn der nächsten Zeile: »46 / auf der Auer Dult / wollten wir bücher finden / oder die liebe // 47 / am Mariahilf- / platz im Jugendknast hoch zu / den gitterfenstern // 48 / unsere liebes- / briefe sollten niemals dort / ankommen aber // 49 / jobben im flieger / Haidhauser kneipen glühen / wie damals nachts // 50 / über die Isar / zurück in den Hofgarten / Schumanns Bar oder // 51 / Galeria Blau nur / für geladene gäste / die preisliste ist // 52 / uneinsehbar die / Meese ausstellung stöckelt / als model weiter«

Jedes Enjambement weckt Neugier auf die folgende Station. Diesem sehr viel luftigeren gesetzten (maximal drei Haikus pro Seite) und von der Dichterin selbst illustrierten (Vignetten mit Tintenroller und Tusche, passend zur sprachlichen Strenge) Haiku-Heft kann man auf dem Stadtplan Münchens folgen. Ich wollte mehr über die Entstehungsgeschichte und die Hintergründe erfahren.

Wie, wann hast Du sie geschrieben?

Augusta Laar: Ich sammelte sie seit ein paar Jahren, habe immer wieder daran geschrieben. Eigentlich war das so ein »Zwischendurch«-Mini-Projekt, das sich von selbst erweiterte, ursprünglich als Hommage an eine inzwischen verschollene Jugendfreundin, aber inzwischen eine subjektive Hommage an München und was ich in der Stadt erlebt habe und weiterhin noch erlebe.

Warum Haikus?

Mir gefällt die Freiheit durch »Begrenzung«, weil sie mich aus meinem gewohnten Umfeld des Schreibprozesses in eine bestimmte neue Form bringt, die ich einhalte. Es sind auch nur drei Zeilen und wenige Silben, der Geist fängt an sich darauf einzustellen. Der Prozess hat mir Freude gemacht.

Kennst du andere Haiku-Stadtspaziergänge?

Nein, ich hatte keine Vorbilder, das kam aus mir selbst, ich hatte spielerisch mit zwei, drei Haikus angefangen, die einfach mal am Papier standen, und sie dann weitergeführt.

Wie viele Zeitebenen befinden sich in diesen Haikus?

Die Zeitebenen reichen von Reventlow, Wolfskehl, Rilke über die 70er, 80er, 90er Jahre bis heute.

Welche weiteren Locations würdest Du nennen, hättest Du mehr Platz zur Verfügung?

Jakobsplatz, mehr Haidhausen, mehr Innenstadt, mehr Lokale und Museen, das Café Lenbachhaus (früher) – dort habe ich lange gearbeitet, Glyptothek (Café und Theater), Theater im Fuchsbau, dann weiter Schwabing Elisabethplatz, Schwabingerbräu, Gisela, Schwabylon, Innenstadt, Fischbrunnen, Thierschstraße, Isartor, mehr Kinos (Lupe, Rio, Filmmuseum), Schallplattenläden, u. a. Disco Center am Marienplatz, da konnte man rare Klassikplatten kaufen, Lindberg mit den tollen Kabinen mit Plattenspielern, dort konnte man stundenlang Platten hören, Musikbibliothek (auch mit Kabinen mit Plattenspielern).


Spätestens jetzt wird deutlich: Augusta Laar hat noch viel in der japanischen Kurzform zu erzählen. Ein zweiter, gerne auch ein dritter München-Haiku-Spaziergang ist wünschenswert. Dem ersten Bändchen – ein bibliophiles Kleinod – liegt jeweils ein Original-Foto eines der Münchner Orte bei.

Augusta Laar: Künstlerin, Schriftstellerin und Musikerin, lebt in Krailling bei München und in Wien. Seit 2009 Leiterin der Lesereihe der Schamrock-Salons und seit 2012 des internationalen Schamrock-Festivals der Dichterinnen in München und Wien. Botschafterin der Schule für Dichtung Wien an der Jack Kerouac School of Disembodied Poetics in Boulder Colorado 2024 und der Escuela Permanente de Poesía Medellín 2016. Mitglied des World Poetry Movement. Gründungsmitglied des Netzwerk Lyrik e .V. Auszeichnungen zuletzt: Arbeitsstipendium des Bayerischen Staatsministeriums 2024, Kulturpreis Bayern 2022, Anita Augspurg Preis der Stadt München für den Schamrock e. V. 2021. Sie ist international in Ausstellungen und auf Poetry-Festivals vertreten. Seit 2014 veranstaltet sie auch das Schamrock-Filmfestival Female Presence mit Kalle Aldis Laar in Kooperation mit dem Werkstattkino München. Laar veröffentlichte mehrere Lyrikbände, zuletzt vor dem hier besprochenen Band: »Nocturnes – Interventionen« in der Edition Melos 2024, und »Avec Beat« bei Black Ink 2020.
 

Cover "München Haiku Spaziergang" von  Augusta Laar

Augusta Laar
München Haiku Spaziergang
Black Ink
32 Seiten, geheftet
8,– Euro  
ISBN 978-3-930654-80-2 


 

Protrait: Nicola Bardola. Foto: privat
Nicola Bardola, 1959 in Zürich geboren, veröffentlichte als Student an der Universität Bern erste Gedichte und schrieb 1984 an der Universität Zürich im Fach Germanistik seine Lizentiatsarbeit über Theorien moderner Lyrik (u. a. zu Nicolas Born, Rolf Dieter Brinkmann, Jürgen Theobaldy). Seither lebt er in München, wo er seine Kolumne »Lyrik Revue« zunächst für das Münchner BuchMagazin betreute und für die Süddeutsche Zeitung schrieb. Er veröffentlichte Gedichte in Zeitschriften und Anthologien, übersetzte Eugenio Montale ins Deutsche und war Mitbegründer der Initiative Junger Autoren (IJA). Zuletzt erschien von ihm „Elena Ferrante – Meine geniale Autorin“ im Reclam Verlag. Alle bereits erschienenen Folgen von »Lyrik-Revue« finden Sie hier.

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