Augustins Fundsachen, Folge 10: »DER ALTE MANN spricht mit seiner Seele« von Günter Kunert – Wallstein Verlag, Göttingen 2006

Wo auch immer der „Weltreisende in Sachen Poesie“ sich gerade wieder herumtreiben mag: wenn Michael Augustin ein Buchantiquariat erspäht, dann kommt er daran nicht vorbei, ohne wenigstens in haikuhafter Kürze (aber viel lieber in balladenhafter Länge) die dort erhofften mit Lyrik gefüllten Regalmeter auf Überraschendes und Wohlfeiles zu inspizieren. Vom Glück des Findens handelt seine Kolumne, in der er seine liebsten lyrischen Trouvaillen aus Läden und Bücherschuppen, von Flohmarkttischen und Straßenrändern in loser Folge am 3. eines Monats vorstellt.

 

DER ALTE MANN spricht mit seiner Seele

Günter Kunert (Foto: Michael Augustin)

Als Anno 2012 die Internationale Günter-Kunert-Bibliographie erschien, konnten wir auf fast 1500 Druckseiten nachlesen, was mein damals 83jähriger Freund Günter in seinem ungemein produktiven schriftstellerischen Leben zwischen 1947 und 2011 so alles zu Papier gebracht hatte. Bis zu seinem Tode 2019 ist dann noch einiges hinzugekommen. Ihm war das Glück beschieden, bis an sein Lebensende schreiben zu können und sich, auch wenn es ihm nicht gut ging, von einem Gedicht zum anderen zu retten. Auch gemalt und gezeichnet hat er ja, und sich zuletzt intensiv und aktiv mit dem Genre der Collage befasst. Noch bei meinem letzten Besuch in dem ehemaligen Schulhaus zu Kaisborstel im Holsteinischen, wo er mit seiner zweiten Frau Erika lebte, kramte der 90jährige die Mappen hervor und präsentierte mir die neuesten Bildwerke.

Unlängst, in einem Düsseldorfer Antiquariat, stieß ich auf ein Exemplar jenes Buches, das mir von allen Werken Günters das liebste ist und das mir, im zunehmenden Alter (ironischerweise?) immer lieber wird: DER ALTE MANN spricht mit seiner Seele, erschienen 2006. Interessanterweise nicht in seinem Münchner Stammverlag Hanser, sondern weiter nördlich auf der Landkarte in Göttingen in Thedel von Wallmodens Wallstein Verlag, dessen Programm zu den (für mich) attraktivsten und nicht selten sensationellen Erscheinungen der deutschen Buchszene gehört.

Buchcover-Abbildung (Wallstein Verlag)
Foto: Michael Augustin

Günter Kunert

DER ALTE MANN spricht mit seiner Seele
Miniaturen & 13 Zeichnungen
Wallstein Verlag, Göttingen 2006

Wer 77 Jahre alt ist und ein Buch veröffentlicht, das den Titel trägt DER ALTE MANN spricht mit seiner Seele, darf sich natürlich nicht wundern, wenn Leserin oder Leser beim Lesen dem „alten Manne“ das Gesicht des Verfassers geben. Außerdem werden sie dabei dann auch noch tatkräftig unterstützt durch den Autor in dessen Eigenschaft als Zeichner, tragen doch fast alle der mit schnellem Strich skizzierten, dem Textkörper zugefügten Porträts nur schwer verkennbar die Züge dessen, der als Urheber zeichnet: Günter Kunert.

Ein Buch, vor dem gewarnt werden muss. Und zwar generationenübergreifend: Wer jung ist, erfährt hier über das Alter wahrscheinlich mehr, als ihm lieb sein kann. Und wer selber alt ist, sieht sich möglicherweise genau so bloßgestellt, wie Gott ihn einst erschuf: Als saugefährliche, liebenswerte, schwer verdauliche, alles verdauende und merkwürdigerweise auch alles überdauernde Fehlkonstruktion.

DER ALTE MANN spricht mit seiner Seele: Er unterhält sich mit ihr, und er lässt sie für sich sprechen – das ist natürlich eindeutig doppeldeutig. Aber damit nicht genug: Diese 80 kurzen Seelenwanderungen im Schlepptau des Dichters führen über doppelbödiges Terrain, unter dem der interessierte Hobbyarchäologe oder gar der Totengräber auf weitere doppelte Böden stieße, grübe er denn drauflos.

Für diese poetischen Kleinodien benutzte Kunert während der Schreibarbeit noch den Begriff „Un-Gedichte“. Daran erinnere ich mich ganz genau, denn er faxte mir 2004 einige der kleinen Texte ans Dickinson College in Pennsylvania, wo ich damals als Gastprofessor und Writer-in-Residence weilte. Eine Genrebezeichnung ganz im Sinne der Dialektik, eingedenk der Tatsache, dass ja auch im „Un-Gedicht“ das Gedicht schlummert oder besser: sich zu Wort meldet. Wer unbedingt eine gültige Genredefinition für diese kurzen, mit gedichtähnlichem Zeilenbruch versehenen, filigranen Gebilde benötigt, der darf sie sich selber ausdenken und mit Bleistift in den freien Raum des Vorsatzes nachtragen. Im Klappentext ist nüchtern-sachlich von „Miniaturen“ die Rede – und Miniaturen sind es ja in der Tat, mit denen wir es hier zu tun haben.

DER ALTE MANN, mit dieser in Versalien gesetzten Zeile beginnt ein jedes der selbstironiegeladenen, melancholiedurchflossenen Zauberstücke Günter Kunerts. DER ALTE MANN erinnert sich, DER ALTE MANN lässt den Globus rotieren, ist vergesslich geworden, übt vor dem Spiegel Einsteins Mimik, zweifelt an der Kugelgestalt der Erde, ist ein Totschläger, sucht einen Schamanen auf und nach einer Glücksdefinition, durchwandert einen Friedhof, stiehlt ein Parfümflakon, kauft einen Clown aus Blech, tastet sich die Treppe hinunter, sinniert, überlegt, telefoniert, weint und kämpft keuchend mit seinen Schuhen … Und Leserin oder Leser, neugierig gemacht, darf dem alten Mann unverschämterweise dabei zugucken, wie der, beladen mit seinen Erfahrungen, Zweifeln, Fotoalben, Utopiefragmenten und Bildungsbürden auf sein neunzigstes Lebensjahrzehnt zuschreitet, tappst und wankt. Das ist urkomisch manchmal, voller Witz immerzu – und bewegend für Kopf und Herz.

DER ALTE MANN, der entpuppt sich hier als ein Seelen- und Geistesbruder des berühmten Herrn Cogito, dem einst der polnische Poet Zbigniew Herbert Seele und Leben einhauchte. Tatsächlich – und das ist ein Leseeindruck, der sich von Text zu Text, von Un-Gedicht zu Un-Gedicht, von Miniatur zu Miniatur verstärkt – DER ALTE MANN, diese aus dem „Kunert‘schen Selbst“ geschöpfte Kunst-Figur, ist ein ernstzunehmender Kandidat für das Walhall der literarischen Serienhelden: Da könnte er nämlich gut stehen. Oder noch besser, weil bequemer: sitzen. Bei einer Flasche Rotwein – mit besagtem Herrn Cogito, neben Henri Michauxs Monsieur Plume und Italo Calvinos Signor Palomar sowie – last but not least – dem Herrn Keuner von Bert Brecht … Kunert ist damals mit diesem Buch in eine wahrlich feine Gesellschaft geraten! Brecht, dem es selber nie vergönnt war, ein alter Mann zu werden, hätte seine Freude gehabt am ehemals jungen Hüpfer Kunert, an dem er nach seiner Rückkehr aus dem Exil einen Narren gefressen hatte, damals im Osten Nachkriegs-Berlins.

Der Düsseldorfer Antiquar bot das Büchlein zu einem lächerlich geringen Kaufpreis an – im unteren einstelligen Euro-Bereich. Aber davon mal abgesehen: DER ALTE MANN spricht mit seiner Seele ist nach wie vor lieferbar, und es lohnt auch, den regulären Nicht-Schnäppchenpreis zu entrichten. Sag ich mal. Als mittlerweile auch schon (fast) alter Mann.

© Michael Augustin, 2021

 
 

Porträt Michael Augustin von Jenny Augustin
(Bild: Jenny Augustin)

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Der gebürtige Lübecker Michael Augustin hat in Dublin, in Kiel, auf Vancouver Island und in Carlisle, Pennsylvania, gelebt. Bei Radio Bremen hat er als Kulturredakteur ungezählte Literatursendungen über den Äther geschickt und war Leiter des internationalen Literaturfestivals „Poetry on the Road“.
Seit 2019 widmet er sich vorrangig seiner eigenen literarischen und künstlerischen Arbeit.

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