Augustins Fundsachen, Folge 9: »GEDICHTE« von Heinrich Böll – LCB-Editionen 28, Berlin 1972

Wo auch immer der „Weltreisende in Sachen Poesie” sich gerade wieder herumtreiben mag: wenn Michael Augustin ein Buchantiquariat erspäht, dann kommt er daran nicht vorbei, ohne wenigstens in haikuhafter Kürze (aber viel lieber in balladenhafter Länge) die dort erhofften mit Lyrik gefüllten Regalmeter auf Überraschendes und Wohlfeiles zu inspizieren. Vom Glück des Findens handelt seine Kolumne, in der er seine liebsten lyrischen Trouvaillen aus Läden und Bücherschuppen, von Flohmarkttischen und Straßenrändern in loser Folge am 3. eines Monats vorstellt.

 

SEGNET DIE WAFFEN

Von Günter Grass weiß man, dass er Gedichte geschrieben hat. Seine Lyrische Beute war ihm lieb und wichtig. Sein großartiges Danzig-Gedicht Kleckerburg etwa zählt für mich mit zu dem besten, was es gibt aus seiner Feder, das gesamte Prosawerk mit eingerechnet.

"Gedichte" von Heinrich Böll

Buchcover-Abbildung (LCB-Editionen / Foto: Augustin)

Dass auch Heinrich Böll Gedichte geschrieben hat, wird manche, wenn nicht die meisten seiner Leser und Leserinnen überraschen. Schon als 19jähriger Unterprimaner und dann, etwas später, in den 13 Monaten nach Abbruch seiner Buchhandelslehre und vor dem erzwungenen Eintritt in den Reichsarbeitsdienst Ende 1938, als für ihn bereits feststand, dass er Schriftsteller werden wollte, hat er aus allen lyrischen Rohren gefeuert und rund 120 Gedichte zu Papier gebracht, von denen sich eine beachtliche Auswahl nachlesen lässt, wenn man den Band I der insgesamt 27 Bände umfassenden fantastischen kommentierten Kölner Werkausgabe zur Hand nimmt (die bei uns in Bremen in der Zentralbibliothek leider nie angeschafft worden ist, worüber ich mich schon lange ärgere!). Und was für Gedichte darunter sind! Satte antimilitaristische Attacken auf Uniformträger aller Art. Herrlich! Und für den jugendlichen Böll offensichtlich selbstverständlich, kriegt auch die Nazibande ihr Fett weg. Und schon damals, Anno 1937, Bölls Sympathiebekundung für die Getretenen und Beleidigten: Ich liebe euch, ihr Abgeglittenen (…) / ihr seid ohne den Haß, der den / Bürgern (…) / wie Fuchsenpisse aus dem Munde spritzt …

Heinrich Bölls Continental-Schreibmaschine

Heinrich Bölls Schreibmaschine, Dauerausstellung in der Kölner Stadtbibliothek, Foto: Augustin

Seinen allerersten Lyrikband allerdings hat Heinrich Böll, der längst weltberühmte Romancier, Hörspielautor und Essayist erst sehr viel später, Jahrzehnte später publiziert. In einer Zeit, als er und seine Familie unter den zermürbenden Breitseiten der Springerpresse zu leiden hatten und sich absurder Terrorismusverdächtigungen erwehren mussten.

In jenem für Böll so ereignisreichen Jahr 1972 erschienen, verteilt auf vierunddreißig Druckseiten, neun seiner zwischen 1963 und 1971 geschriebenen Gedichte als Band 28 der legendären Schriftenreihe des Literarischen Colloquiums Berlin. In den LBC-Editionen hatten zuvor Kolleginnen und Kollegen wie Barbara Frischmuth, Günter Eich, Tomas Tranströmer, Charles Olson, Günter Kunert, Lars Gustafsson und Thomas Bernhard Texte veröffentlicht. Im Klappentext werden Bölls Verse als Gelegenheitsarbeiten annonciert, als Versuch des Autors, sich einer weiteren literarischen Kategorie zu nähern, ohne sich dabei einen Produktionszwang aufzuerlegen.

Heinrich Bölls Arbeitszimmer

Heinrich Bölls Mobiliar samt Inhalten, Dauerausstellung in der Kölner Stadtbibliothek, Foto: Augustin

Gelegenheitsarbeiten, die es aber wirklich in sich haben, wie gleich das erste, 1965 entstandene Gedicht mit dem Titel Meine Muse, ein feiner poetologischer Zyklus voller Bilder, die schon beim ersten Lesen hängen bleiben im Gedächtnis. Sehr schön auch ein kurzes Widmungsgedicht aus dem Jahre 1968 an den in der DDR in Bedrängnis geratenen Dichter Peter Huchel zu dessen 65. Geburtstag. Böll hatte ihn besucht in der DDR und sich in einem Brief an Walter Ulbricht für den Kollegen eingesetzt, der dann 1971 in den Westen übersiedeln konnte. Ein weiteres Gedicht hat den Skandal um die zahlreichen abgestürzten Starfighter der Bundeswehr zum Thema, während in einem berührend schönen Gedicht auf einen Engel Landschaftsbilder aus dem Böll so vertrauten irischen Westen aufscheinen, vermengt mit ein paar Tropfen Rheinwasser.

In Bölls Romanen spielt ja bekanntlich der Fluss, der an der Stadt vorbeifließt und nicht durch sie hindurch, eine überragende Rolle, während die Geburtsstadt in seinen epischen Werken namenlos bleibt. In den drei zentralen Gedichten des Bändchens allerdings heißt die Stadt so, wie sie heißt und dient gleich 3x als Titel: Köln I, Köln II und das Langgedicht Köln III. Böll teilt aus: Die Stadt / in freudloser Sonne / verödet heißt es da. Er beschreibt eine Stadt, die nicht mehr die seine ist. In der sich Bauwut, Profitmaximierung, die Architektur als Fortsetzung des Bombenkrieges, Nazi-Erbe und die Bigotterie der Amtskirche (verkotzte katholische Revolution), Lärm, Dreck und Korruption zu einem toxischen Mixtum verbinden. Doch am Ende, in den letzten Zeilen von Köln III, die auch die letzten des kleinen Gedichtbands sind, obsiegt das Kämpferherz des Poeten Böll, der ganz selbstbewusst das Handwerkszeug seines Widerstands benennt: Segnet die Waffen / Fingerkuppen / Farbband / Papier / (…) und den / Briefträger / der’s austrägt / um geringen Lohn.

Autograph Heinrich Bölls aus der Sammlung Augustin

Autograph Heinrich Bölls (Sammlung Augustin), Foto: Augustin

P.S. 1972, das soll nicht unerwähnt bleiben, war natürlich nicht nur das Jahr, in dem sein erster Gedichtband erschien. Es war das Jahr, an dessen Ende ihm der Literaturnobelpreis verliehen wurde.

P.P.S. Mein Exemplar des kleinen Büchleins habe ich übrigens vor Jahren bei einem der Bouquinisten vorm Eingang zur Berliner Humboldt-Uni erstanden. Für 4 Euro. Und das Bändchen LCB-Editionen 5 gleich noch mit dazu. Kurze Prosa von einem gewissen Arthur Knoff.

P.P.P.S. Beim Namen Arthur Knoff handelt es sich um ein Pseudonym. Eigentlich hieß der Autor Günter Grass. Der ja auch Gedichte geschrieben hat. Aber das sagte ich eingangs schon.

 

 

© Michael Augustin, 2021

 

 

Porträt Michael Augustin von Jenny Augustin

(Bild: Jenny Augustin)

 

Der gebürtige Lübecker Michael Augustin hat in Dublin, in Kiel, auf Vancouver Island und in Carlisle, Pennsylvania, gelebt. Bei Radio Bremen hat er als Kulturredakteur ungezählte Literatursendungen über den Äther geschickt und war Leiter des internationalen Literaturfestivals „Poetry on the Road”.
Seit 2019 widmet er sich vorrangig seiner eigenen literarischen und künstlerischen Arbeit.

 

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