Gedichte für Kinder – Folge 83: Acht Gedichte von Achim Amme

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

Was sich liebt

Was sich liebt, das neckt sich
oder es versteckt sich
liebt nur im Geheimen
und in Abzählreimen
doch ich spür, es weckt mich
auf aus süßen Träumen
schlabbert und beschleckt mich
und mir wird ganz heiß.
Was sich liebt, das leckt sich
schmeckt wie Himbeereis.

 

Vom Regen

Ob ich gehe, stehe, laufe
komm vom Regen in die Traufe

ob ich hetze, mich verschnaufe
komm vom Regen in die Traufe

ob ich durchblick, mich verlaufe
komm vom Regen in die Traufe

ob ich stur bleib, mich verkaufe
komm vom Regen in die Traufe

ob mit Knoten, rosa Schlaufe
komm vom Regen in die Traufe

ob ich nüchtern, ob ich saufe
komm vom Regen in die Traufe

seit Geburt schon, seit der Taufe
komm vom Regen in die Traufe

gehe manchmal grad deswegen
gern zurück und durch den Regen:

In der tiefsten Regentonne
seh ich dann sogar die Sonne.

 

Christoph Columbus

Christoph Columbus ist ein Mann
von dem man etwas lernen kann.
Er wollte, – wer sollt´s ihm verwehrn?
den weiten Ozean überquern
um so nach Indien zu fahren.
Das war vor rund 500 Jahren.

Doch statt nach Osten nun zu reisen
wollt er den hohen Herrn beweisen:
In Richtung Westen ging es auch
nicht nur nach Osten, wie´s sonst Brauch
und eine Kugel sei die Erde –
und dass es schon gelingen werde.

Die Herren lehnten sich zurück.
Sie hielten´s für ein starkes Stück
denn wissenschaftlich war bewiesen
(von andern Herren, nicht von diesen)
die Erde sei nur eine Scheibe.
Und wo denn der Verstand da bleibe?

Er sollt nur fahr´n, er würd schon sehn
sein Hochmut käm ihn teuer zu stehn.
Erreicht´ sein Schiff den Rand der Scheibe
sei sonnenklar, wohin er treibe
und immerfort in diesem Stile
und dass er in den Abgrund fiele.

 

Anregnung

Der Regen, er regnet, erzählt uns auch was
von südlichen Ländern, wo Menschen sich sonnen.
Kein Mensch ward je vom Sonnenschein nass
und Regen zählt dort zu den herrlichsten Wonnen.

Das möchte er wohl, das hätte er gern
dass wir, hoch im Norden, ihn ehrten und priesen.
Dazu will der Regen uns scheinbar bekehrn
dass wir uns noch freun, wenn wir husten und niesen.

 

Verkehrte Welt

Im Winter scheint Sonne,
im Sommer da schneit’s.
New York liegt in Deutschland,
Paris in der Schweiz.

Das Jahr hat acht Tage,
taghell ist die Nacht.
Die Sonne weint Tränen,
der Mond hat gelacht.

Der Fluss fließt zur Quelle,
die Welle steht still.
Ein Stein hat zwei Beine,
rennt, wohin er will.

Der Opa kriegt Haare,
das Baby verliert’se.
Der Bäcker backt Koteletts,
der Schlachter frisiert’se.

Das Faultier ist fleißig,
der Adler ist blind.
Der Blinde kann sehen,
ein Fisch fliegt im Wind.

Es regnet nach oben,
der Himmel stürzt ab.
Ein Vogel fährt Fahrrad
und lacht sich halb schlapp.

Die Welt ist ’ne Scheibe
und eckig der Ball.
Die Bombe singt Lieder,
wer singt, hat ’n Knall.

 

Micky

Unser Haustier, das heißt Micky.
Micky ist kein Elefant.
Micky ist auch keine Maus und
auch mit keiner Maus verwandt.

Micky, so heißt unsre Katze
und sie ist neun Jahre alt
was man ihr so gar nicht ansieht
wenn sie sich ´nen Vogel krallt.

Doch die Mäuse, die im Haus sind
nimmt sie nicht in ihre Pfoten:
Was zum Haus gehört, muss gut sein –
Töten ist im Haus verboten!

So denkt Micky, wenn sie denkt und
manchmal denkt sie sich was aus.
Meistens denkt sie an das eine:
Töte nie ein Tier im Haus!

Dabei denken wir ´s wär besser
wenn ihr Denken mal verroht
sie sich endlich drauf besänne:
Katzen sind der Mäuse Tod!

Keine Spur von so´m Gedanken –
dafür jede Menge Flausen.
Unsre Katze denkt an alles
nur ans eine nicht: ans Mausen!

 

Das Märchen vom Klapperstorch

Der Klapperstorch klappert den ganzen Tag
denkt er nicht grad über was Wichtiges nach.
Dann hört er auf zu klappern und
hält seinen Schnabel, wie wir unsern Mund.
Was Wichtiges, zum Beispiel, wär
das Märchen vom Klapperstorch, die alte Mär
vom Vogel, der fleißig Kinder bringt.
Das ist etwas, was ihn zum Nachdenken zwingt.
Doch hat er zum Denken nicht allzu viel Zeit
weil schon sein Nachwuchs nach Futter schreit.
So gibt er das Denken meist schnell wieder dran
und fängt, wie gewöhnlich, zu klappern an.
Vielleicht notiert er noch flugs in sein Heft
als Rat für die Kleinen: Klappern gehört zum Geschäft!

 

Fisch und Vogel

Ein Fisch und ein Vogel
die liebten sich sehr.
Dem Fisch wuchsen Flügel
und Flossen dem Vogel.
Sie kannten sich beinah
selbst nicht mehr.

© Achim Amme

 

Achim Amme wurde in Celle geboren und lebt heute in Hamburg.
Nach dem Studium der Theaterwissenschaft besuchte er die Max-Reinhardt-Schule für Schauspiel in Berlin. In Berlin bekam er auch – bei George Tabori – sein erstes Engagement. Nach Theater-Tourneen durch halb Europa konzentrierte er sich auf das Schreiben von Songs und Satiren und startete als Ringelnatz-Preisträger eine Laufbahn als literarischer Kabarettist und Rezitator. Neben seiner Tätigkeit als Autor und Musiker übernahm er zahlreiche Rollen als Schauspieler in bekannten Fernsehserien. Seine letzte Buchveröffentlichung heißt „Der Amme. Poet“ und erschien 2020. Einige Gedichte in diesem Beitrag wurden seinem Buch „Noahs Paarty“ entnommen. Dass er gelegentlich auch für Kinderverse Abnehmer fand, erklärt er so:

Ich schreibe volle Kanne
für mich, fürs Kind im Manne.
Und wär ich da nicht Kind geblieben
hätt ich bis heut wohl nichts geschrieben.

 

Uwe-Michael Gutzschhahn

 

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath
Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982), »Der Alltag des Fortschritts« (1996) und »Die Muße der Mäuse« (2018). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her«, im Frühjahr 2018 die Anthologie »Sieben Ziegen fliegen durch die Nacht« bei dtv Junior, die aus der Reihe »Gedichte für Kinder« hervorgegangen ist.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.