Gedichte für Kinder – Folge 85: Sieben Kindergedichte von Regina Schwarz

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

Fragen über Fragen

Fischen Austernfischer Austern,
bohrt der Wattwurm tief?
Heulen Heuler um die Wette
schaurig schön und schief?

Kegeln Kegelrobben heimlich
in der Nacht am Strand?
Oder liegen sie und träumen
auf der Seehundsbank?

Macht die Wellhornschnecke Wellen
nur bei Wind und Sturm?
Sieben sieben Sandgarnelen
vor dem Aussichtsturm?

Schnäbeln Säbelschnäbler zärtlich
ganz nach Vogelart?
Sanft mit leisem Schnabelwetzen,
liebevoll und zart?

Sind die Quallen Quasselstrippen?
Quatschen sie nur Quatsch?
Werfen Quallen mit Tentakeln
Modder, Schlick und Matsch?

Putzt der Plattfisch Kutterplanken,
liegt er danach platt
zwischen lauter Planktonpflanzen
und frisst sich dort satt?

Tragen Taschenkrebse Taschen
voll mit Krebssalat?
Oder üben sie bei Ebbe
einen Krebsspagat?

Löffeln Löffler löffelweise
gerne Tag für Tag?
Und wie heißt die Lieblingsspeise,
die der Löffler mag?

Ist das Seepferdchen zum Reiten
für den Wal gedacht?
Strahlt der Seestern unter Wasser
heimlich in der Nacht?

Spritzt der Tintenfisch mit Tinte
außer sich vor Wut?
Oder blubbert er „Attacke!“
voller Übermut?

Krabbeln Krabben unter Wasser?
Wuscheln Muscheln gern?
Haben Möwen wie die Menschen
einen Lieblingsstern?

Das sind Fragen über Fragen.
Kennt die nur der Wind?
Ich kann dazu gar nichts sagen.
Frag doch mal ein Kind.

 

Abschied

Heute kommt der Möbelwagen,
und sie schaffen alles raus.
Wollte Papa noch was sagen,
bringe keinen Ton heraus.

Mama nimmt mich in die Arme.
Doch ich fühle nichts als Wut.
Alles ist mit einmal anders.
Gar nichts mehr ist gut.

 

Klapp klapp

Kranke Krokodile auf klappernden Kähnen
klappern klappernd mit klappernden Zähnen.

 

Ach du Schreck!

Schreckschrauben schrauben schrottige Schrauben
an scheußlich schäbige Schreckschraubenhauben.

 

Traurig

Manchmal kommt
ein schwarzes Tier,
das meine Freude auffrisst
und mein Lachen,
das mich festhält
in seinen Klauen
und nicht loslässt.
Manchmal kann ich nichts
dagegen machen – nur warten –
bis es geht, lautlos,
wie es gekommen ist.

 

Wo man Geschenke verstecken kann

Im Keller hinter Kartoffelkisten,
im Schreibtisch zwischen Computerlisten,
in alten verstaubten Bauerntruhen,
in ausgelatschten Wanderschuhen,
auf Wohnzimmerschränken, in Blumenvasen,
ja, selbst in Bäuchen von flauschigen Hasen,
in Einzelsocken, ohne Loch,
und eine Möglichkeit wäre noch,
das Geschenk unter die Matratze zu legen.
Das ist nicht so gut der Bequemlichkeit wegen.
Der Toilettenspülkasten eignet sich nicht,
denn welches Geschenk ist schon wasserdicht.
Ob sperrig, ob handlich, ob groß oder klein:
Geschenke verstecken muss einfach sein.
Das einzig Schwierige daran ist,
dass man das Versteck so leicht vergisst.

 

Farbwechselspiel

Einer, der wird gelb vor Neid,
denn ich mach heute blau.
Ich glaube gleich, da sieht er rot,
wenn ich ins Grüne schau.

 

© Regina Schwarz

 

Regina Schwarz wurde in Bonn-Beuel geboren und wuchs in Gevelsberg auf. Heute lebt sie in Langenfeld im Rheinland. Seit 1984 schreibt sie Bilderbuchtexte für die ganz Kleinen genauso wie Sprachspielereien, Zungenbrecher, poetische Texte und humorvolle Gedichte für Erwachsene. Ihre ersten Gedichte wurden in den Jahrbüchern und Gedicht-Anthologien von Hans-Joachim Gelberg veröffentlicht. Viele davon sind in Schulbüchern zu finden. Ihr wohl bekanntestes Gedicht „Wen du brauchst“ wurde zu einem bibliophil gestalteten Buch, illustriert von Stefanie Harjes, und kam auf die Auswahlliste zum Josef Guggenmos-Preis 2020.
Die Liebe zu Gedichten entstand in ihrer Kindheit, denn sonntags las ihr Vater oft vor. Immer waren auch Gedichte dabei: von Joachim Ringelnatz, Christian Morgenstern und Heinz Erhardt. Mit geschlossenen Augen hörte sie zu und ließ sich vom Zauber der Wörter einfangen.

 

Uwe-Michael Gutzschhahn

 

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath
Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982), »Der Alltag des Fortschritts« (1996) und »Die Muße der Mäuse« (2018). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her«, im Frühjahr 2018 die Anthologie »Sieben Ziegen fliegen durch die Nacht« bei dtv Junior, die aus der Reihe »Gedichte für Kinder« hervorgegangen ist.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

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