»Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie«: eine fortlaufende Online-Anthologie, zusammengestellt von Jan-Eike Hornauer
Sabine Fisch
Wissen vom Glück
Ein Wunsch hat mich durchs Leben geführt:
Dass mir die Zeit vergönnt würde
Zur Vollendung meiner Arbeit –
Der Bilder, der Gedichte.
Wie kann denn jemand auch zufrieden sein
Vor dem Erreichen seines Ziels? Wie
Sollte er am Ende seines Lebens
Zur Ruhe kommen können?
Mein Werk scheint nun bald abgeschlossen. Selbst
Wenn ich über den Verbleib nichts mehr erfahre:
Immer bin ich überzeugt bei meinem Tun.
Und mehr bedarf es nicht.
© Sabine Fisch, München
+ Das Original
Friedrich Hölderlin
An die Parzen
Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!
Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
Daß williger mein Herz, vom süßen
Spiele gesättiget, dann mir sterbe.
Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht
Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;
Doch ist mir einst das Heil’ge, das am
Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen,
Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!
Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel
Mich nicht hinab geleitet; Einmal
Lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.
+ Zur Autorin
Sabine Fisch, geb. 1941 in Berlin mit dem Nachnamen Steiner, verbrachte
ihre Kindheit in der Lüneburger Heide. Dort begann sie bereits mit dem Festhalten und Verdichten von Beobachtungen sowie Erlebnissen in gemalten oder geschriebenen Bildern – eine Angewohnheit, die bis heute zu ihrem Alltag gehört. Nach dem Abitur Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, 1966 Übersiedlung nach München, dort 1974 zudem Musiklehrerprüfung. Der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit war nun die Ausbildung von Musiklehrern für kommunale Musikschulen.
Werke von Fisch als bildende Künstlerin (Bilder, Plastiken, Kunstaktionen u. a. m.) wurden von der Staatsgemäldesammlung und dem Kultusministerium Bayern angekauft. 1980 erschien im Jüngling-Verlag bei Zweitausendeins ihr illustrierter Band »Lieder des Mittelalters und der Renaissance«, 2023 in der Reihe Poesie 21 bei Steinmeier ihr Gedichtband »Oben auf dem Balkon«, dazu seit ein paar Jahren auch Veröffentlichung von Gedichten in Anthologien (wie »Lichtblicke – Gedichte, die Mut machen«, hg. v. Anton G. Leitner, Reclam 2022) und Literaturzeitschriften (etwa DAS GEDICHT, Poesiealbum neu und #kkl).
»Gedichte mit Tradition« im Archiv
Zu dieser Reihe: »Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie« ist eine Online-Sammlung zeitgenössischer Poeme, die zentral auf ein bedeutendes Werk referieren, ob nun ernsthaft oder humoristisch, sich verbeugend oder kritisch. Jeden zweiten Freitag erscheint eine neue Folge der von Jan-Eike Hornauer herausgegebenen Open-End-Anthologie. Alle bereits geposteten Folgen finden Sie hier.