Humor in der Lyrik – Folge 62: Firdausi , der „Paradiesische“ (940 n.Chr. – 1020), Persiens größter Poet

Die Behauptung ›Lyriker haben keinen Humor‹ gehört zu den unausrottbaren Missverständnissen. Doch gerade in dieser literarischen Gattung blüht Humor in allen Facetten. Alfons Schweiggert stellt an jedem 25. des Monats lyrischen Humor und humorvolle Lyriker in seiner Rubrik »Humor in der Lyrik« vor. Als Kolumnist von DAS GEDICHT blog will er damit Anregungen geben, Humor in der Lyrik zu entdecken und humorvolle Vertreter dieser Gattung (wieder) zu lesen.

 
Kaum ein Normalsterblicher kennt heute noch Firdausi und sein „Buch der Könige“. Zu Goethes Zeiten war das noch ganz anders. Als „ein Weltereignis“ rühmte Goethe dessen grandioses versgeschmiedetes Mammutwerk und verneigte sich vor Firdausi, dem größten epischen Dichter der Perser, dessen „Buch der Könige“ sich nur mit dem „Alten Testament“ oder dem indischen „Mahabharata“ vergleichen lässt. Die Dichter August von Platen, Joseph Görres und Friedrich Rückert betrachteten es als große Ehre, sich an Übersetzungen seines Epos versuchen zu dürfen und der österreichische Orientalist Freiherr Joseph von Hammer-Purgstall schwärmte von dem „größten Dichter nicht nur Persiens, sondern des ganzen Morgenlandes“, der mit Homer und Shakespeare auf gleicher Stufe steht, und prophezeite ihm „ewigen Ruhm“. Doch der blieb lange aus und wem, wenn er nicht iranischer Staatsbürger ist, sagt heute der Name Firdausi noch irgendetwas?
Allein die persische Schreibweise von Firdausis Namen ist schon ein Gedicht:
 
 

ابوالقاسم فردوسی

 
Zur Welt kam Abul Qasim Manzur ben Hasan, so sein eigentlicher Name, um 940 n. Chr in einem iranischen Dorf als Sohn eines begüterten Landadeligen. Von der Muse der Poesie geküsst, lebte Firdausi das Leben eines zunehmend ärmer werdenden Poeten, weshalb ihm im Alter von 35 Jahren der Auftrag Sultans Mahmud von Ghazna, des damals mächtigsten Herrschers der islamischen Welt, gerade recht kam. Muhmad, der Dichter, Gelehrte und Künstler um sich scharte, auch wenn er von Poesie und Kunst selbst nicht allzu viel verstand, suchte nach einem Dichter, der ein Monumentalwerk zu seinem und Persiens Ruhm schaffen sollte. Begonnen habe damit schon der Dichter Daqiqi, doch nach seiner Ermordung sollte nun Firdausi in dessen Fußstapfen treten, da ihn Daqiqi im Traum gebeten habe, sein Werk fortzusetzen und es zu vollenden. Zudem stellte Mahmud ein wahrhaft königliches Honorar in Aussicht und versprach für jeden Doppelvers ein Goldstück. Das kam Firdausi gerade recht, nachdem sein ererbtes Vermögen aufgebraucht war und er mittlerweile als mittelloser Poet sein Dasein fristete. Diese Situation wollte er beenden, auch wenn es in seinem Alter dazu fast schon zu spät war.
 
„Ein alter Mann bin ich“, seufzte Firdausi, „meine Jahre sind vorbeigegangen wie Frühlingswinde über der Wüste. Ein Stock muss mich stützen, meiner Hand entsinken die Flügel, bleich wie der Mond sind meine Wangen, und mein Bart verlor seine schwarze Farbe. Meine aufrechte Gestalt musste sich vor dem Alter verbeugen … Wer Wein und Geld hat, Brot und Süßigkeiten, wer ein Schaf schlachten kann, damit er Fleisch zu essen hat, dem geht es gut. Ich habe dies alles nicht. Oh, es ist bitter, in Armut zu leben und bitterer noch, alt zu sein … Ich hoffe aber, noch so lange am Leben zu bleiben, bis ich das versprochene Gold von ihm [von Mahmud] erhalten habe, so dass auch ich, wenn der Tod mich heimsucht, ein würdiges Denkmal hinterlassen kann, das aus den Schätzen des Königs der Könige stammt.“
Der 35jährige Firdausi machte sich nun an die Arbeit und plagte sich die folgenden dreieinhalb Jahrzehnte unentgeltlich mit seinem Lebenswerk herum, das den verheißungsvollen Titel „Schahnameh – Das Buch der Könige“ erhalten sollte. Dabei handelte es sich um eine grandiose persische Version der Weltgeschichte, angereichert mit wunderlichen Mythen und zauberhaften Legenden. Firdausi reihte Doppelvers an Doppelvers und brachte es auf stattliche 60.000 Doppelverse und damit auf ein erhofftes Honorar von 60.000 Goldstücken. Nach 35 Jahren langer Arbeit war das Epos am 8. März 1010 endlich vollendet und doppelt so umfangreich wie die „Ilias“ und „Odyssee“ zusammen.
 
Er ließ es in sieben Bände binden und reiste damit, mittlerweile 70 Jahre alt, nach Ghazna, um es Mahmud vorzulegen. Doch der Sultan würdigte es kaum eines Blickes. Er begriff nicht, welchen Schatz er da vor sich liegen hatte und vielleicht schien es ihm auch deshalb nicht zu gefallen, weil er sich in dem Epos zu wenig gewürdigt sah. Zudem funktionierte, wohl altersbedingt, sein Gedächtnis nicht mehr so recht. Zwar ließ er Firdausi seinen Lohn in prall gefüllten Beuteln überreichen, doch als der diese auf dem Tisch entleerte, blieb ihm der Mund offen stehen. Statt der versprochenen 60.000 Goldstücke kamen nur 20.000 Silbertaler zum Vorschein. Beleidigt und wütend über die erbärmliche Knauserei Mahmuds verschenkte Firdausi die Taler an einen Bademeister und dessen Mitarbeiter. Er selbst gönnte sich für einen Silberling lediglich ein Glas Bier und überlegte zähneknirschend, wie er sich an dem wortbrüchigen Sultan rächen könne.
 
Für Dichter gibt es gegenüber einem despotischen Herrscher wohl nur eine Möglichkeit, nämlich sich mit Worten zu rächen. Und so verfasste der doppelversgeübte Firdausi boshafte satirische Verse, in denen er Mahmud als Sohn eines Sklaven, als Säufer und Geizhals verhöhnte. Sein Spottgedicht, das den Sultan für alle Ewigkeit lächerlich machen sollte, verbreitete sich im Nu und sorgte im ganzen Land für schallendes Gelächter. Sogar Kinder sangen die Spottverse auf der Straße, so etwa:
 
„Du, der nicht Glauben hat, noch Tugend ehrt,
Selbst einen Tropfen Bier bist du nicht wert!“
 
 

Porträt Firdausi (Zeichnung von Alfons Schweiggert)
Firdausi, der „Paradiesische“, wütend über Mahmuds Betrug Zeichnung: Alfons Schweiggert, München

 
Dann floh Firdausi aus Furcht vor Mahmuds Rache, der über die Verhöhnung seiner Majestät zuerst wütend war und Firdausi am liebsten zermalmt hätte, wenn er ihn in die Finger bekommen hätte. Da dem nicht so war und Mahmud den Spott unmöglich auf sich sitzen lassen konnte, beschloss er, Firdausi doch noch die versprochenen Goldstücke auszubezahlen. Eine Karawane musste sich mit dem Lohn auf die Suche nach Firdausi machen, mit dem es das Schicksal jedoch abermals nicht gut meinte. Statt ihm begegneten die Geldboten mit dem Goldschatz gerade noch Firdausis Leichenzug. Und damit noch immer nicht genug. Statt auf dem Friedhof verscharrte man ihn in einem Obstgarten. Und das grandiose Nationalepos der persischsprachigen Welt, „Schahnameh – Das Buch der Könige“, das weltweit umfangreichste Epos, das ein Poet je geschaffen hat, wurde in Persien erst 100 Jahre später gewürdigt und von den Europäern sogar erst 800 Jahre nach seiner Entstehung entdeckt. Doch bekannt ist es nur Literaturkennern.
 
Eine Dichterexistenz, die man sich nicht grotesker vorstellen kann. Da fabriziert ein armer Poet im Auftrag eines Despoten in 35 Jahren unbezahlter schweißtreibender Fronarbeit 60.000 Doppelverse, wird dann von seinem Auftraggeber um vereinbarte Honorar von 60.000 Goldtalern betrogen und verschenkt das auf 20.000 Silbertaler reduzierte „Trinkgeld“ an einen Bademeister, bevor er dann als Rache vom Volk belachte Spottverse – die einzige Waffe eines Dichters!!! – auf den stinkreichen Geizkragen schmiedet, der schließlich widerwillig das Honorar von 60.000 Goldtalern doch noch herausrückt. Aber als das Gold beim armen Poeten ankommt, wird der soeben zu Grabe gekarrt und im Obstgarten verscharrt. Und danach verschwindet auch noch sein Mammutwerk für Jahrhunderte in der Versenkung, bevor es neu entdeckt und gefeiert wird.
Ein solches Schicksal verdient es, weiß Gott, in einer Ballade geschildert zu werden, was kein geringerer als Heinrich Heine unternahm, der ein 40-strophiges Gedicht – darunter auch 36 Doppelverse!!! – über den „Dichter Firdusi“, wie er ihn nennt, verfasste, in dem er die Entstehung von dessen Heldenlied besingt.
 
Da saß „der Dichter“, so Heine,
„An dem Webstuhl des Gedankens,
Tag und Nacht, und webte emsig
Seines Liedes Riesenteppich –
 
Riesenteppich, wo der Dichter
Wunderbar hineingewebt
Seiner Heimat Fabelchronik,
Farsistans uralte Kön´ge,
 
Lieblingshelden seines Volkes,
Rittertaten, Aventüren,
Zauberwesen und Dämonen,
Keck umrankt von Märchenblumen –
 
Alles blühend und lebendig
Farbenglänzend, glühend, brennend,
Und wie himmlisch angestrahlt
Von dem heil´gen Lichte Irans,
 
Von dem göttlich reinen Urlicht,
Dessen letzter Feuertempel,
Trotz dem Koran und dem Mufti,
In des Dichters Herzen flammte.“
 
Wo aber ist Firdausis boshaftes Spottgedicht auf Sultan Mahmud geblieben? Hat es Mahmud vernichtet oder hat es Firdausi selbst zerstört? Wer Firdausis Lebensgeschichte kennt und bereit ist, sein kurioses Schicksal zu verinnerlichen, der wird auch fähig sein, das verschollene Spottgedicht über den wortbrüchigen Geizkragen Mahmud in der Phantasie nachempfinden und darüber in ein sardonisches Gelächter ausbrechen zu können.
 
 

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München
Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

»Humor in der Lyrik« wird Ihnen von Alfons Schweiggert präsentiert. Der Münchner Schriftsteller veröffentlichte neben Erzählungen und seinem Roman »Das Buch« mehrere Lyrikbände, Biographien und Sachbücher sowie Kinder- und Jugendbücher. Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit als Institutsrektor am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München ist er seit 2010 freischaffender Autor. Schweiggert ist Präsidiumsmitglied der Schriftstellervereinigung Turmschreiber und Vorstand der »Karl Valentin-Gesellschaft«.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Humor in der Lyrik« finden Sie hier.

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