Gedichte für Kinder – Folge 80: 13 Gedichte zum neuen Jahr

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

Jutta Richter

Katzengedanken zum Neujahr

Einen Tag noch hat das Jahr,
vierundzwanzig lange Stunden,
Was gewesen ist, das war.
Hab verloren, hab gefunden.
Manche Maus entwischte mir,
manche habe ich gefangen,
Und für morgen wünsch ich dir:
Froh ins neue Jahr gegangen!
 

Hanna Johansen

Ein nächstes Jahr, vor Freude tanz ich
um den verwelkten Weihnachtsbaum
und wünsch dir für Zweizweiundzwanzig
ein Licht und einen neuen Traum.
 

Michael Hammerschmid

das jahr wird alt

über nacht wird
alles neu
und blitzt und rast
still
nein laut
mit wacher müdigkeit
mit tanz und wunsch
und kuss
alles wird neu
wir warten schon
wie neu
mit vorsätzen
diesen
in schönem
gewand
verschiedene
sterne
in aug und
hand
ich bin so
gespannt!
 

Mathias Jeschke

Neujahrswunsch

Ich wünsche mir,
Dass Birgit endlich meine Freundin wird.
Dass ich nicht noch einmal sitzenbleibe.
Dass Mama und Papa zusammenbleiben.
Dass ich wirklich einmal ein Tor schieße.
Dass ich nicht immer so schnell weinen muss.
Dass ich mich mit Jasper wieder vertrage.
Dass Herr Klages nicht mehr mein Lehrer ist.
Dass meine Schwester wieder gesund wird.
Dass wir im Sommer nach Korsika fahren.
Dass …
Dass …

Ich wünsche mir,
Dass …

Ich wünsche mir,
Dass mich mal einer in den Arm nimmt
Und sagt:
Du bist okay und genau richtig!
Ich hab dich echt total lieb!
 

Mathias Jeschke

Im Januar

Im Januar fängt alles neu an.
Die Tage sind weiß und unberührt.
Ich spreize meine Finger
Wie unsere Katze
Und strecke meinen Rücken.

Im Januar liegt alles so da
Und weiß noch nicht, was es soll.
Ich spiele mit meinen
Weihnachtgeschenken.
Alles hat viel Zeit.

Im Januar beginne ich langsam,
Erst langsam, gelassen,
Mich mit dem Neuen anzufreunden.
Und überlasse es ihm,
Mich zu überraschen.
 

Uwe-Michael Gutzschhahn

Die Weihnachtsmänner

Die Weihnachtsmänner
kehren im Jänner
nach Österreich heim.
Weswegen?
Wegen dem Reim.
 

Gerald Jatzek

Kerzen

Die Kerzen im Fenster sind Kerzen.
Für die auf der Straße.
Für die ohne Haus.
Für die ohne Ausweis und Namen.

Die Kerzen im Fenster sind Kerzen.
Sie wärmen nicht.
Sie machen nicht satt.
Sie schützen nicht vor Verfolgung.

Die Kerzen sind ein Versprechen
auf offene Türen,
wenn wir es halten.
Andernfalls bleiben es Kerzen.
 

Jutta Richter

Januar

Ein Donnerschlag dann ist er da,
der gute neue Januar,
er kommt mit viel Getöse.
Er prahlt, dass er es besser macht,
im neuen Jahr wird nur gelacht
und niemand ist mehr böse.
Zehn Tage lang geht alles gut,
dann ist das Jahr ein alter Hut
Papa hat schlechte Laune.
Der Festtagsschmuck wird weggeräumt,
der Weihnachtsbaum hat ausgeträumt,
der Januar, der ruht sich aus,
Schneeflocken fallen auf das Haus.
Ich stehe hier und staune.
 

Christa Zeuch

Januar

Nun gräbt sich der Frost
in Mulch und Kompost
zu Winterverstecken
von Würmern und Schnecken.
Dem Igel wird’s eisig
im schützenden Reisig.

Der reglose Wald
hat klaglos und kalt
die Kleider verloren.
Am Baum, halb erfroren,
übt letztes Gezappel
das Blatt einer Pappel.

Die Krähenschar schwirrt.
Der Eiszapfen klirrt.
Der Teich summt erstarrt.
Auf Gräsern sitzt zart
des Raureifs Glasur.
Im Schnee die Gravur
einer Spur, silberweiß
aus Eis.
 

Erich Jooß

Der Schneemann

Kugelrund sitzt er vor dem Haus
und streckt die Rübennase
in den Himmel,
bis der warme Wind kommt.
Es pfeift und heult,
sogar die großen Bäume stöhnen.
Da wird der Schneemann
immer kleiner. Seine Augen
füllen sich mit Wasser
und die Nase
fällt aus dem Gesicht.
Ganz leise schwimmt er davon,
die Straße hinunter.
Schneemann,
ach Schneemann.
 

Uwe-Michael Gutzschhahn

Leichter Schnee

Einmal zählte ich den Schnee.
Ich zählte die Flocken, ihre Kristalle.
Die Spitzen alle
berührten wie winzige Katzentatzen
behutsam den See.
Als würden sie fast noch schweben,
zitternd vor Leben.
Als würden sie nur einen Augenblick schwatzen
und flögen dann weiter
wie eine frierende Fee.
 

Iris Schürmann-Mock

Schnee

Leise gehen weiche, weiße
Flocken auf die Winterreise,

ziehen wunderbarerweise
hin zu Wiese, Baum und Schneise,

wirbeln, tanzen, malen Kreise,
legen sich ganz leise … leise.
 

Alfons Schweiggert

Da erschte Schnää

Koana konns hörn,
wia de weißn Flocka
si ganz schtaad und locka
aufananda hocka.

Koana konns hörn,
´s is aa kaam zum sehng aa,
wia de weißn Flocka
wieda schnöi vagenga.
 

Der erste Schnee

Keiner kann es hören,
wie die weißen Flocken
sich ganz still und locker
aufeinanderhocken.

Keiner kann es hören,
es ist kaum zu sehen,
wie die weißen Flocken
wieder schnell vergehen.
 

© bei den Autorinnen und Autoren
 

Uwe-Michael Gutzschhahn
 

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath
Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982), »Der Alltag des Fortschritts« (1996) und »Die Muße der Mäuse« (2018). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her«, im Frühjahr 2018 die Anthologie »Sieben Ziegen fliegen durch die Nacht« bei dtv Junior, die aus der Reihe »Gedichte für Kinder« hervorgegangen ist.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

Ein Kommentar

  1. Einen zusätzlichen Schmunzler hat mir entlockt, dass nach dem Gedicht rund um die Rückkehr der Weihnachtsmänner im Jänner nach Österreich gleich der Gerald Jatzek zu Wort kommt ;-)

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