Augustins Fundsachen, Folge 10: »Pennergesang – Gedichte und Chansons« von Günter Bruno Fuchs – Carl Hanser Verlag, München 1965

Wo auch immer der „Weltreisende in Sachen Poesie“ sich gerade wieder herumtreiben mag: wenn Michael Augustin ein Buchantiquariat erspäht, dann kommt er daran nicht vorbei, ohne wenigstens in haikuhafter Kürze (aber viel lieber in balladenhafter Länge) die dort erhofften mit Lyrik gefüllten Regalmeter auf Überraschendes und Wohlfeiles zu inspizieren. Vom Glück des Findens handelt seine Kolumne, in der er seine liebsten lyrischen Trouvaillen aus Läden und Bücherschuppen, von Flohmarkttischen und Straßenrändern in loser Folge am 3. eines Monats vorstellt.

 
 

Pennergesang – Gedichte und Chansons

Ob sich Joachim Ringelnatz, der von 1930 bis zu seinem Tod 1934 mit seiner Frau Muschelkalk und dem Dackel Frau Lehmann am Sachsenplatz in Berlin lebte und der 1928 in der Kreuzberger Admiralstraße geborene Günter Bruno Fuchs jemals begegnet sind, ist leider nicht bekannt. Vorstellbar wäre es aber schon, dass der reisende Artist, Kleinkunstbühnenstar, Kunstmaler und Kinderbuchdichter Ringelnatz das lütte drei- oder vierjährige Füchslein zum Lachen gebracht hätte, wenn es tatsächlich zu einer solch magischen Begegnung gekommen wäre.

Im Allerheiligsten meines Bücherschranks stehen sie jedenfalls Seit an Seit – und das nicht von ungefähr. Ich wüsste keinen anderen Poeten, abgelebt oder lebend, der es ohne jeden Zweifel mit Ringel hätte aufnehmen können, bzw. dessen feines, sympathisch-verrücktes und so beglückend zugängliches Opus dem Ringelnatz’schen vergleichbar wäre. Günter Bruno Fuchs ist der einzige in dieser Traditionslinie, dem die großen Fußstapfen angemessen wären. Und tatsächlich hat Fuchs Anno 1971 eine Serie von Illustrationen zu Ringelnatz-Gedichten angefertigt und sich damit zu dieser speziellen Verwandtschaft bekannt.

Aber das ist nicht der Band, der in meinem Schrank Schulter an Schulter mit Ringels Gedichte Dreier Jahre (Rowohlt-Originalausgabe von 1932) steht, über die ich in dieser Kolumne 2019 Näheres berichtet habe. Nein, mein unübertroffen liebster poetischer Fuchsbau trägt den Titel Pennergesang und hat 1965 das Augenlicht seiner Leser und Leserinnen erblickt in einer fabulösen leinengebundenen Ausgabe mit knallrotem Vorsatz und einem ebenso roten, von Fuchs höchstpersönlich gestalteten und mit einem Holzschnitt versehenen Umschlag. Ein Gedichtband, aus dem uns der ganze Fuchs in seiner berührenden Wucht und subversiven Aufsässigkeit entgegenkömmt! Eine hinreißende Versammlung seiner, wie ich einfach mal behaupte, besten und „hängenbleibendsten“ Gedichte: Der Sperling und andere Vögel, Der Zigeuner bittet für sein Pferd, die Berliner Haikus, die Nationale Räuberposse, der Tageslauf eines dicken Mannes, Polizist im Frühling, Schnee und Trinker, Die Betrunkenen früh, ach, wenn ich die Gedichte doch nur eins zu eins und in voller Länge vorführen dürfte in dieser Kolumne!

Und den Hausheiligen Peter Hille, Francois Villon und Matthias Claudius wird gehuldigt, den Kollegen Ali Schindehütte, Robert Wolfgang Schnell, Johannes Vennekamp, Manfred Bieler und dem dicken Freund in der Ahornallee in Friedrichshagen, Ost-Berlin: Johannes Bobrowski. Der seinerseits mehr als einmal höchstselbst dem Obermeisenobergeiger und Sperlingsbrüderlein Fuchs herzlich zugedichtet und -geprostet hat: dem Dichter der Dichter, dem Künstler der Künstler, Freund der Freunde, Leichtesten der Leichten und Schwersten der Schwer’n.

Für mich ist und bleibt Günter Bruno Fuchs, dessen Gedichte ich um 1969 herum erstmals gelesen, ach was, gefressen und gesoffen habe, ein in unserer Zeit unerreichter Meister des Humors und der Melancholie gleichermaßen. Ein Mitmensch zum Anlehnen, ein Verbündeter der geschundenen Kreatur, der Außenseiter, der Geschundenen, Beleidigten und aus der Zeit Gefallenen. Gestorben ist Günter Bruno Fuchs den frühen Trinkertod mit noch nicht einmal 49 Jahren. Fast schon ist er vergessen, knapp 4 ½ Jahrzehnte, nachdem seine Gedichte plötzlich ohne ihn und seine unvergleichliche berlinische Vorlesestimme weiterleben mussten – in ihrer ganzen Schönheit und ungekünstelten geheimnisvollen Einfachheit. Schwurbelfreie Poesie vom Allerfeinsten, von einem Autor, dessen Werke heutzutage nicht mehr so häufig zu finden sind in den Buchhandlungen hinter den Hochstapeln der Neuerscheinungen. Aber es lohnt sich, dem Antiquariat vor Ort einen Besuch abzustatten oder ein bisschen durch das Internet zu surfen. Da wimmelt es nämlich noch von Schnäppchen-Füchsen. Und wie ich gerade sehe: es lässt sich auch noch so mancher Pennergesang entdecken … durchaus zu erschwinglichen Preisen.
Langsam erhebt sich die Theke / und schwimmt mit dem großen Säufer davon. / Ach, wer da mitreisen könnte..!

"Pennergesang - Gedichte & Chansons" von Günter Bruno Fuchs
Buchcover-Abbildung (Hanser Verlag)
"Pennergesang - Gedichte & Chansons" von Günter Bruno Fuchs
Taschenbuchversion: Buchcover-Abbildung (Fischer Bücherei)

 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Günter Bruno Fuchs:
Pennergesang – Gedichte und Chansons
Carl Hanser Verlag, München 1965

 
 

© Michael Augustin, 2021

 
 

Porträt Michael Augustin von Jenny Augustin
(Bild: Jenny Augustin)

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Der gebürtige Lübecker Michael Augustin hat in Dublin, in Kiel, auf Vancouver Island und in Carlisle, Pennsylvania, gelebt. Bei Radio Bremen hat er als Kulturredakteur ungezählte Literatursendungen über den Äther geschickt und war Leiter des internationalen Literaturfestivals „Poetry on the Road“.
Seit 2019 widmet er sich vorrangig seiner eigenen literarischen und künstlerischen Arbeit.

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