Gedichte für Kinder – Folge 77: Acht Kindergedichte von Antonie Schneider

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 
 
 
Das Sumpfblutauge
hütet bei Nacht
den Drachen im Moor.
Hab acht!
Sonst kommt er hervor.
 
 
Anmerkung: Sumpfblutauge ist eine Pflanze.
 
 
 
Ein Sumpfblutauge
lag träumend im feuchten Gras.
Eine Wildgans trug sanft
auf ihrem zarten Gefieder
ihre blutroten Knospen
ins Land der Biber.
 
 
 
Die Mehlprimel
 
Wenn Mehlprimeln tanzen
am Abend im Moor,
schüttelt die Drossel
erstaunt ihr Gefieder
und singt ihre Lieder.
 
 
 
Die Trollblume
 
„Ich mag sie nicht“,
so sprach eine Kuh zum Schaf im Mai.
„Sie verdirbt mir den Magen.
Was andere sagen,
ist mir einerlei.
Doch Fliegen
legen
in ihren goldenen Kugelkopf
ein Ei.“
 
 
 
Das Sumpfläusekraut
 
Ein zartes Kraut,
dem vor nichts graut.
Vertreibt sogar
aus Pelz und Haar
die Laus –
wie wunderbar!
 
 
 
Kleiner weißer Kormoran
windgekämmt
stürzt die gefiederte Wolke
lachend zu dir.
 
 
 
Jetzt nur
ein Stück Holz sein
und schwimmen
von Insel zu Insel.
Jetzt nur.
 
 
 
Von Wolkenschafen träumt
ein junger Birkenvogel sacht
des Nachts
und klopft ins stille Gras
die weiße Himmelsspur.
 
 
© Antonie Schneider
 
 
 
Antonie Schneider wurde in Mindelheim im Allgäu geboren und lebt heute als freie Autorin im Westallgäu. Für ihre Projekte und Bücher arbeitet sie gern mit Künstlerinnen und Künstlern, Musikerinnen und Musikern zusammen. Sie schreibt Gedichte und Prosa für Erwachsene und Kinder, ihre Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt und mit internationalen Preisen geehrt. Ihr jüngstes Gedichtebuch für Kinder heißt „Es flattert und singt“ und erschien 2019. Auf die Frage, warum sie für Kinder dichtet, sagt sie: „Es ist beglückend, weil die Poesie die ganz alltäglichen Dinge neu schauen lässt. Und das nur mit einem weißen Blatt Papier, einem Stift und Buchstaben, die sich zusammenfinden, gereimt und ungereimt, leicht und spielerisch, hintergründig und tief“.
 
 
Uwe-Michael Gutzschhahn 
 
 

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982), »Der Alltag des Fortschritts« (1996) und »Die Muße der Mäuse« (2018). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her«, im Frühjahr 2018 die Anthologie »Sieben Ziegen fliegen durch die Nacht« bei dtv Junior, die aus der Reihe »Gedichte für Kinder« hervorgegangen ist.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

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