Tobias Burghardt flaniert jeweils am 5. eines Monats auf DAS GEDICHT blog durch die südlichen Gefilde der Weltpoesie. In der Rubrik »Im babylonischen Süden der Lyrik« werden Sprachgemarkungen überschritten und aktuelle Räume der poetischen Peripherien, die innovative Mittelpunkte bilden, vorgestellt.
In diesem Jahr 2026 feiert die Literaturzeitschrift »Park« ihr 50. Jubiläum, herausgegeben wird sie vom Berliner Lyriker, Literaturwissenschaftler und Celan-Jahrbuch-Editor Michael Speier, dem wir zu diesem intensiven und ausdauernden Lyrik-Engagement im deutschsprachigen und internationalen Terroir erneut und weiterhin sehr herzlich gratulieren, siehe auch »Im babylonischen Süden der Lyrik« Folge 47. Nun ist gerade zum halbhundertjährigen Jubiläumsauftakt die »Park«-Ausgabe #77 mit dem Dossier »Indigene Poesie aus Argentinien« erschienen.
Indigene Kultur in Argentinien: traditionell und innovativ
In Argentinien leben aktuell noch rund vierzig indigene Völker mit ihren eigenen Sprachen, Liedern, Erzählungen und Gedichten, alten wie auch neueren; letztere gehören zur innovativen indigenen Poesie Lateinamerikas bzw. von Abya Yala, die seit einigen Jahrzehnten ihre vielsprachigen Stimmen hervorbringt, deren bekannte Größen hierzulande sind: der guatemaltekische Maya-Dichter Humberto Ak’abal, siehe auch »Im babylonischen Süden der Lyrik«, Folge 5, Folge 6, Folge 43 und Folge 68, die mexikanische Zapoteca-Dichterin Natalia Toledo, siehe auch »Im babylonischen Süden der Lyrik«, Folge 35, der chilenische Mapuche-Dichter Elicura Chihuailaf, siehe auch »Im babylonischen Süden der Lyrik« Folge 70 und Folge 87, sowie die bolivianische Aymara-Quechua-Dichterin Elvira Espejo Ayca, siehe auch »Im babylonischen Süden der Lyrik«, Folge 86.
Die Unesco widmete das ganze Jahr 2019 den »indigenen« Sprachen, was wesentlich auf die Initiative des plurinationalen Staates Bolivien zurückgeht, denn Bolivien verankerte vor inzwischen 17 Jahren in der neuen Verfassung (Artikel 5.1) alle 36 indigenen Sprachen als offizielle bolivianische Amtssprachen, siehe auch »Im babylonischen Süden der Lyrik«, Folge 42. Dann, kurze Zeit danach, aufgrund der existenziellen Dringlichkeit, rief die Unesco im Jahr 2021 zur »Internationalen Dekade der Indigenen Sprachen 2022–2032«, um auch in weiteren Ländern, wie etwa Argentinien, ein Bewusstsein für das Weiterleben der indigenen Kulturen, Sprachen und Literaturen zu erwirken, die dort sehr marginalisiert sind.
Im vergangenen Jahr veröffentlichte das PEN-Zentrum Argentinien (Centro PEN Argentina) die mehrsprachige indigene Anthologie »Lenguas vivas. La palabra en idiomas originarios« (»Lebend(ig)e Zungen. Das Wort in originären Sprachen«, Buenos Aires 2025), durch die wir einen ersten Einblick für die Berliner Zeitschrift für neue Literatur »Park« mit Gedichten auf Mapudungun von der Mapuche-Liedermacherin Carina Carriqueo, auf Quechua von den beiden Dichtern David Chulque und Marcelo Fabián Quispe, auf Huarpe von der Dichterin Liliana Claudia Herrera Salinas sowie auf Wichí von dem Dichter und Liedtexter Audencio Lecko Zamora jeweils plus spanischen Parallelversionen und deutschen Übersetzungen zusammengestellt haben. Nachfolgend hier ein zusätzliches mehrsprachiges Gedicht des Wichí-Autors Audencio Lecko Zamora:
Audencio Lecko Zamora
Na hanej?
Chate iche khates?
Chate iche jwala?
Chate iche jwitsek tdi?
Chate te iche tektaj?
Chate te iche halay?
Hat le tichune pej
Chit nawoye chik ne iche khates?
Chi na woye chin e iche jwala?
Chiwoyela honhat chi ne iche waj?
Chi woyela honhat chi ne iche tewok?
Chi na woyela chi ne nawen halay
lha chati, lhaye le chatilis
ikhajli te itichunepej le jwalas
I’cheilhi hap te ikhajlhi
i’tichune jwalas te pajche
i’wen te pulei
lhaye tektaj, halay. Honhat i’wen le khases
i’hanej chi iche hala lhawolh
losspe la satay lhaye ajwenchey
i’khastahen te i’wenpe
halay lhawolh te isajias
Hapte i’hanej te lhayenlha le lhay
wuj te isilataj honat na
Lhawuk te iyenlhi mak te iss
hapte iwatlak te na wen lha wetes
Lhaye i’lhokhej mak te ipe honat
chi iyej le pumjwas
wawulhchahen mak te isilataj
jwala, khates, wela lhaye honhat
i’malhinchanla chik noj wichi
lhamelh te iyenlhi la elh honhat
Tik isej namelh
chik le’ woye te ’hanej
chi woye te iche khates, chi woye te iyenlhi mak de ipe lham
iss chi na’ pilche honhat te na talhe
Tam na hape ahat’taj te iyenlhi i’lhokhej mak
Husek te ihi ilhokhek namelh
chi’ na tajwelhnamejen na talwelej’la lha kha husek’taj
te iyenlhi i’lhokhej mak, hap Ahat’taj
MALHIEJTSO’LA TE NAY CHUJWENLA TE ILHOKHEK
MAK
LHAY HUTWEK WUJ TE ISSILATAJ
Lha nayij, hap i’lhokhej le nayij
chuk noj ilhokhek mak,
Lhamet ilhokhej wichi te yinen
* * *
Audencio Lecko Zamora
Sabemos:
¿Cómo nace una estrella?
¿Cómo nace un sol?
¿Cómo nace un arroyo?
¿Cómo nace un río?
¿Cómo nace un árbol?
SE IMAGINARON ALGUNA VEZ:
¿Cómo sería vivir sin estrellas?
¿Cómo sería una vida sin sol?
¿Cómo serían nuestros suelos sin los arroyos?
¿Cómo sería la tierra sin los ríos?
¿Cómo serían nuestras vidas sin árboles?
NUESTROS ABUELOS Y SUS ABUELOS
SIEMPRE RECUERDAN SUS DÍAS
CON UNA AMPLIA SONRISA DE FELICIDAD.
RECUERDAN SUS LEJANOS DÍAS,
VIENDO PARIR AL CIELO, LOS ARROYOS,
LOS RÍOS, LOS ÁRBOLES, LA TIERRA
SABÍAN QUE CUANDO FLORECÍA EL MONTE,
SE MULTIPLICABAN LOS ANIMALES Y AVES,
SE ALEGRABAN CUANDO LAS FLORES
REVENTABAN EN MIL COLORES,
PORQUE DESPUÉS SE CONVERTÍAN EN FRUTOS.
ESTE MUNDO ES MARAVILLOSO,
FUE CREADO HERMOSO,
PARA ALBERGAR A NOSOTROS
Y OTRAS CRIATURAS.
QUE JUNTO A LOS HUMANOS
COMPLEMENTAN LA PERFECTA DIVERSIDAD.
El sol, las estrellas, la luna y la Tierra
Vivirán más tiempo que nosotros
Ellas recrearán la vida
No necesitan de nosotros.
Para poder vislumbrar cómo
Se crean las estrellas y cómo Crece vida en ellas
Debemos regresar de dónde venimos
Y ser parte de la Gran Energía Creadora.
La Gran Energía conecta a nosotros a toda su creación
Conocernos más es aprender a conocer
A La Energía, Gran Creadora, El Gran Espíritu.
ASÍ APRENDEREMOS
QUE TODO ESTÁ
CONECTADO
EN PERFECTA ARMONÍA.
LA VIDA ES LA VIDA DE TODOS,
LA MUERTE ES AUSENCIA DE NOSOTROS.
* * *
Audencio Lecko Zamora
Wir wissen:
Wie wird ein Stern geboren?
Wie wird eine Sonne geboren?
Wie wird ein Bach geboren?
Wie wird ein Fluss geboren?
Wie wird ein Baum geboren?
HABT IHR EUCH JEMALS VORGESTELLT
Wie wäre es, ohne Sterne zu leben?
Wie wäre ein Leben ohne Sonne?
Wie wären unsere Böden ohne Bäche?
Wie wäre die Erde ohne Flüsse?
Wie wären unsere Leben ohne Bäume?
UNSERE GROSSVÄTER UND IHRE GROSSVÄTER
ERINNERN SICH IMMER AN IHRE TAGE
MIT EINEM BREITEN LÄCHELN DER GLÜCKSELIGKEIT.
SIE ERINNERN SICH AN IHRE FERNEN TAGE,
ALS SIE DEN HIMMEL, DIE BÄCHE,
DIE FLÜSSE, DIE BÄUME UND DIE ERDE ERBLÜHEN SAHEN.
SIE WUSSTEN, DASS SICH, WENN DER BERG ERBLÜHTE,
SICH DIE TIERE UND VÖGEL VERMEHRTEN.
SIE FREUTEN SICH, WENN DIE BLUMEN
IN TAUSEND FARBEN AUFBRACHEN,
DENN DANN WURDEN SIE ZU FRÜCHTEN.
DIESE WELT IST WUNDERBAR,
SIE WURDE PRÄCHTIG ERSCHAFFEN,
UM UNS
UND ANDERE KREATUREN ZU BEHERBERGEN.
DIE GEMEINSAM MIT DEN MENSCHEN
DIE PERFEKTE VIELFALT ERGÄNZEN.
Die Sonne, die Sterne, der Mond und die Erde
werden länger leben als wir.
Sie werden das Leben neu erschaffen.
Sie brauchen uns nicht.
Um zu erahnen, wie
die Sterne entstehen und wie Leben in ihnen gedeiht,
müssen wir dorthin zurückkehren, wo wir herkommen,
und Teil der großen Schöpferenergie sein.
Die Große Energie verbindet uns mit ihrer gesamten Schöpfung.
Uns selbst besser zu kennen bedeutet,
die Energie, den Großen Schöpfer, den Großen Geist zu erkennen.
SO WERDEN WIR LERNEN,
DASS ALLES
IN PERFEKTER HARMONIE
MITEINANDER VERBUNDEN IST.
DAS LEBEN IST DAS LEBEN ALLER,
DER TOD IST DIE ABWESENHEIT VON UNS.
Übertragen aus dem Spanischen von Juana und Tobias Burghardt
Sowohl Wichí als auch Quechua sind verhältnismäßig große indigene Sprachen Argentiniens, Mapudungun ist schon etwas weniger zu hören – im Nachbarland Chile ist Mapudungun viel mehr verbreitet –, und Huarpe ist bereits fast verschwunden. Im »Park«-Dossier »Indigene Poesie aus Argentinien« folgt ergänzend ein längerer Textauszug aus dem Qom-Lyrikprojekt »Mapic« von Ruperta Pérez und Lara Pellegrini, das im November 2025 auf dem 33. Internationalen Poesiefestival im argentinischen Rosario von ihnen vorgestellt wurde, wo wir auch dem argentinisch-bolivianischen Quechua-Dichter David Chulque sowie der italo-argentinischen Dichterin und Sängerin María Lanese erneut begegneten.


Ruperta Pérez, geboren 1957 in Miraflores, Angehörige der Gemeinschaft Qom Rapicoshec, Chaco, lebt seit 1985 mit ihren drei Kindern in Rosario, wo sie 1991 in den westlichen Wohnbezirk Barrio TobaRouillón umgesiedelt wurde. Sie widmet sich seit ihrer Kindheit der Qom-Korbflechterei mit Naturpflanzenfasern, gibt dieses indigene Kunsthandwerk überdies an ihre Kinder sowie Kindeskinder weiter und schreibt auch Gedichte. Qom zählt zu den relativ großen indigenen Sprachen Argentiniens, das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie von einer ebenso schützenswerten Minderheit gesprochen wird. Mit der Dichterin, Liedermacherin, Journalistin und Kulturaktivistin Lara Pellegrini, geboren 1985 in Rosario, entwickelten Pérez und ihre Gemeinschaft das Qom-Projekt »Mapic«, das zwischen Poesie und testimonialer Erzählung angesiedelt ist. Nach Pellegrinis Gesprächen mit mehreren Qom-BewohnerInnen jenes Barrio Toba Rouillón im Westen der Stadt Rosario, zu denen Arsenio Borguez, Silvia Aguirre, Dina und Noelia Naporichi sowie Ruperta Pérez selbst gehören, über Erinnerungen an ihr einstiges Leben in den Bergen und Erzählungen ihrer Vorfahren über die frühere Kinderzeit entstand eine kollektive poetische Landkarte, die Textgrundlage dieses Gedichts, das danach erst auf Spanisch gefasst wurde, um es dann schlussendlich von Ruperta Pérez in der Qom-Sprache zurückübertragend zu verfassen. Jede einzelne dieser indigenen Sprache gestaltet vielschichtige morphologische beziehungsweise syntaktische Strukturen im poetischen Blicknetz von Wahrnehmung, Wirklichkeit und Erkenntnis.

Die aktuelle Jubiläumsausgabe »Heft 77« der Zeitschrift für neue Literatur »PARK« mit dem mehrsprachigen Dossier »Indigene Poesie aus Argentinien« ist in jeder guten Buchhandlung (ISSN 0944-917) erhältlich oder direkt beim Herausgeber Michael Speier per E-Mail hmspeier@aol.com bestellbar.

Tobias Burghardt (Jahrgang 1961) ist Lyriker, Essayist, Übersetzer und Verleger der Stuttgarter Edition Delta (www.edition-delta.de). Er veröffentlichte den Essayband »Ein Netz aus Blicken. Essays für lateinamerikanische Lyrik« und mehrere Lyrikbände, darunter seine Fluss-Trilogie sowie »Septembererde & August-Alphabet«. Zuletzt erschien seine Werkauswahl »Mitlesebuch 117« (Aphaia Verlag, Berlin/München 2018), sein aktueller Gedichtband »Die Elemente der See« und die umfangreiche Werkauswahl 1991–2021 »Das Gedächtnis des Wassers«. 2020 erhielt er den Internationalen Poesiepreis »Città del Galateo – Antonio de Ferrariis« in Rom, Italien. Seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Einzeltitel erschienen in Argentinien, Indien, im Irak, in Japan, Kolumbien, Portugal, Serbien, Schweden, Uruguay und Venezuela. Er ist Mitbegründer und Koordinator des »Babylon Festivals für Internationale Kulturen & Künste«, das seit 2012 jährlich in Babylon und Bagdad stattfindet.
Mit seiner Frau Juana Burghardt überträgt er lateinamerikanische Lyrik, katalanische Poesie, lusophone Lyrik und spanische Poesie. Sie sind Herausgeber und Übersetzer der Werkreihe von Miquel Martí i Pol, aus der Pep Guardiola im Sommer 2015 im Literaturhaus München las, und seit Herbst 2014 der Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe, dem wir das GEDICHT-Motto »Ein Gedicht rettet einen Tag« (Roberto Juarroz) verdanken. Im Frühjahr 2017 wurden beide für ihr jeweiliges poetisches Werk und ihr gemeinsames literarisches Engagement zwischen den Kulturen und Sprachen mit dem »Internationalen KATHAK-Literaturpreis« in der südasiatischen Metropole Dhaka, Bangladesch, und als Verlagsteam der Edition Delta mit dem »Deutschen Verlagspreis 2021« und dem »Deutschen Verlagspreis 2024« des Kulturstaatsministeriums, Berlin, ausgezeichnet. Tobias Burghardt war GEDICHT-Redakteur der ersten Stunde und organisierte immer wieder wunderbare Sonderteile mit lateinamerikanischer Poesie für unsere Zeitschrift DAS GEDICHT.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Im babylonischen Süden der Lyrik« finden Sie hier.




